Brüder-Grimm-Festspiele

Traum besiegt Wirklichkeit

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Bedingungslos Liebende im Netz höfischer Intrigen: Käthchen (Katarina Schmidt) und Graf Wetter vom Strahl (Patrick Dollmann).

Hanau - So viel Neues war nie bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau. Der neue Intendant Frank-Lorenz Engel hat erstmals in der 30-jährigen Geschichte des Festivals als vierte diesjährige Produktion ein Stück angesetzt, das kein Märchen ist. Von Christian Spindler

Durchaus ein Wagnis - auch fürs Publikum. Um es vorweg zu nehmen: Das Wagnis ist geglückt. Auch, weil Engel mit Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“ ein träumerisch-wunderbares Volksstück ausgewählt hat, das opulente märchenhafte und romantische Züge trägt. Nicht nur wegen der berühmten „Holunderbusch-Szene“, in der die Träume des bedingungslos liebenden Käthchens und ihres angebeteten Grafen Wetter vom Strahl anrührend zusammenfließen, sondern auch, weil sich die üble Blenderin Kunigunde von Thurneck wie im Märchen als garstige Hexe und Giftmischerin entpuppt.

Es brauchte ein wenig Zeit bei der Premiere am Samstagabend, bis das bei den Hanauer Festspielen bis dato anderes gewohnte Publikum und das Stück zusammenfanden. Da war ein leichtes Fremdeln. Das liegt an der mitunter schlichten Treppen-Bühne, die anfangs szenisch dichte Bilder verhindert, aber vor allem an der Sprache aus Kleists Zeit von Anfang des 19. Jahrhunderts.

Man muss sich einlassen, wird aber spätestens im zweiten Teil vollends hineingezogen in das Märchendrama, um das hingebungsvoll liebende Käthchen, das dem Grafen auf Schritt und Tritt folgt; in die Ränkespiele der Kunigunde, die Käthchen ins Feuer der nach einem Anschlag brennenden Burg schickt, weil sie ihr im Weg steht; in die Irrungen und Wirrungen der Liebe und in die Traumwelten, die Kätchen dem Grafen als Kaiser-Tochter verheißen, kurzum: in eine vielschichtige Geschichte, in der - wie im Märchen - der Traum über die Wirklichkeit siegt.

Am Ende löst sich alles auf

Zwar wird das „Käthchen“ auf unzähligen Bühnen gespielt. Aber wer hat schon wirklich die vielschichtige Handlung parat? Und so ist es spannend zu erleben, wie sich nach und nach all das, was in manchen Momenten zunächst unverständlich bleibt, am Ende auflöst und wie in letzter Minute nicht die durchtriebene Kunigunde, deren Sein allein auf falschem Schein beruht, sondern das bürgerliche Käthchen als Kaisertochter und Katharina, Prinzessin von Schwaben, den Grafen ehelicht.

Festspiel-Intendant Engel, der auch Regie führt, ist eine veritable Inszenierung gelungen, die von einem fast ausnahmslos beeindruckend guten Schauspieler-Ensemble getragen wird. Herausragend neben dem bei der Premiere zunehmend freier agierenden Patrick Dollmann als Graf Wetter vom Strahl und Katarina Schmidt, die als Käthchen durchwegs überzeugend die reine Liebe verkörpert, sind Madeleine Niesche als Kunigunde und der auch im Monolog mit höchster Bühnenpräsenz aufwartende Hartmut Volle („Tatort“) als Kaiser.

Engel hat im Gegensatz zu vielen Hanauer Märchen-Inszenierungen, bei denen üppige Kostüme gleichsam zum Markenzeichen geworden sind, die Ausstattung wohltuend reduziert. Neben eindringlich lyrischen Momenten liefert er gleichwohl auch Effektvolles, etwa den raffiniert inszenierten Brand der Burg. Und er gibt dem Stück manch heitere Note.

Zugegeben, es mag bemüht sein, wenn die Ansetzung des „Käthchen“ bei den Grimm-Festspielen offiziell damit begründet wurde, dass Wilhelm Grimm Rezensionen des Kleistschen Ritterspiels verfasst hat. Was soll´s. Die mutige Öffnung des Festspiel-Programms war im Vorfeld stark diskutiert worden. Und der Widerstreit zwischen Puristen und Erneuerern wird wohl anhalten. Ungeachtet dessen beschert das „Käthchen von Heilbronn“ den Zuschauern anspruchsvolle und kurzweilige Unterhaltung im Hanauer Amphitheater.

Es wird ein gewisses Durchhaltevermögen brauchen, um die neue Reihe zu etablieren. Dieser lange Atem ist dem Festival und der Hanauer Kulturszene zu wünschen. Nicht umsonst wurden in den vergangenen Jahren neue künstlerische Impulse für die Festspiele gefordert. Frank-Lorenz Engel hat ein gelungenes Angebot gemacht. Prädikat: empfehlenswert.

Und den Anspruch, Grimmsche Märchen auf die Bühne zu bringen, erfüllt das Festival mit den anderen Produktionen allemal. Mit dem sehenswerten „Käthchen von Heilbronn“ sind die Brüder-Grimm-Festspiele jedenfalls erwachsen geworden. Es tut ihnen gut.

„Das Käthchen von Heilbronn“ ist wieder am 20. und 27. Juni jeweils ab 20.30 Uhr zu sehen. Die Brüder-Grimm-Festspiele dauern noch bis 27. Juli.

Quelle: op-online.de

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