Brüder-Grimm-Festspiele

Lesen schadet nie

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Lena (Janina Steinwender), Laurent (Marius Schneider) und Griseldis (Nadine Buchet) müssen einen „Guttrank“ brauen.

Hanau - Mit dem Kinder- und Familienstück „Es war einmal“ betreten die 30. Hanauer Brüder-Grimm-Festspiele in diesem Jahr Neuland. Von Dieter Kögel

Denn Intendant Frank-Lorenz Engel, von dem das Buch zur Geschichte stammt, nimmt in der von ihm erdachten Story lediglich Anleihen bei den Märchensammlern, borgt sich die eine oder andere Figur aus und bringt diese auch mit Gestalten der jüngeren Jugendliteratur zusammen.

Viel Potential für große Spannung und viel Witz also, das aber bei dem von Regisseur Jan Radermacher inszenierten Stück „Es war einmal“ nicht ganz ausgeschöpft wird. Die Premiere gefiel dennoch auf den gut gefüllten Rängen im Halbrund unter dem Kuppelzelt, und fand den ungeteilten Beifall derer, für die das Stück vor allem gemacht war: die Kinder. Die klatschten und tanzten nicht nur beim fetzigen finalen Lied mit.

Zur Musik von Markus Syperek heißt es da, dass Lesen nie schadet. Kein Wunder, denn die Bücher aus dem Buchladen von Lenas (Janina Steinwender) Mutter sind es, die den Zauberlehrling Laurent (Marius Schneider) seinem Ziel näher bringen. Und das besteht darin, seinen von der bösen Zauberin Maldixa (Madeleine Niesche) eingekerkerten Vater (Patrick Dollmann) endlich zu befreien. Laurents Zauberversuche, als seine Chefin Maldixa mal Party macht, katapultieren den Lehrling der Magie allerdings aus dem Jahr 1514 ins Jahr 2014.

Kurzweiliges Menü aus Märchen, Fantasy und Jugendliteratur

Im Buchladen von Lenas Mutter akklimatisiert sich der Zauberlehrling schnell unter Lenas Obhut. Nebenher befreit er noch die vor 200 Jahren von Maldixa verzauberte Fee Griseldis (Nadine Buchet) aus ihrer Mausegestalt, womit dann alle Zutaten für das kurzweilige Menü aus Märchen, Fantasy und Jugendliteratur beisammen sind. Schnell nimmt die Geschichte Fahrt auf, denn die Zeit drängt: der „Guttrank“ muss gebraut werden, mit dem das Böse in Zauberin Maldixa ein für allemal getilgt werden soll.

Es gelingt den Freunden schließlich auch, den Trank zu brauen, nachdem mit Hilfe von Büchern Heidi und Geissenpeter (Katarina Schmidt, David Wehle) das Edelweiß zum Zaubertrank beigesteuert wurde, Rumpelstilzchen (Hans B. Götzfried) widerwillig drei Fäden Stroh zu Gold gesponnen hat, Winnetou (David Wehle) zum Regentanz bat und so für die benötigten Regentropfen gesorgt hat, der gestiefelte Kater als widerspenstiger Charmeur mit französischem Akzent eines seiner wertvollen Schnurrhaare weggegeben, Fee Griseldis drei Feentränen gelacht und Graf Dracula (Patrick Dollmann) persönlich einen Fledermausflügel für den „Guttrank“ spendiert hat. Als Zauberfehler von Fee Griseldis taucht noch Frau Holle (Katarina Schmidt) auf der zweiten Spielebene auf, ein Popmusiker (David Wehle) entsteigt dem Fernsehapparat nach versehentlicher Auslösung der Fernbedienung und muntert mit Pharrell Williams' Hit „Happy“ Belegschaft und Zuschauer gleichermaßen auf.

Das ist gut so. Denn die große Treppe des multifunktionalen Bühnenbildes erweist sich zu Beginn des Stückes als nicht sehr vorteilhaft. Sie „frisst“ die böse Zauberin und ihren Lehrling regelrecht, die es schwer haben, sich gegen das mächtige Bild durchzusetzen. Dreht die Bühne und gibt den Blick auf den Buchladen preis, so blenden die quietschbunten Buchrückenimitate das Auge. Vor diesem Hintergrund wird es den Darstellern auch nicht einfach gemacht, gegen die Optik anzuspielen. Da fällt dann besonders auf, dass einige Stimmen, die singen, nicht unbedingt Singstimmen sind und das Dialoge zuweilen aufgesetzt wirken.

Der zuckersüße Schluss, bei dem nicht nur aus dem garstigen Rumpelstilzchen mit Hilfe des gebrauten Zaubertranks ein Kuschelgnom wird, sondern sich auch Zauberin Maldixa zur Streichelhexe wandelt, lässt Ungutes ahnen: Geht das Serum in Serie, dann wird es eng für den Stoff, aus dem die Märchen sind.

Aufführungen bis 27. Juli

Quelle: op-online.de

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