Buch der Bücher hat viele Väter

Der Judaskuss in der prachtvollen Darstellung der Ottheinrich-Bibel, derzeit zu sehen in Frankfurt

Lange hing das Schicksal der einzigartigen Ottheinrich-Bibel, um 1430 in Ingolstadt in deutscher Sprache handgeschrieben, in Regensburg illuminiert und 100 Jahre später von Mathis Gerung fertig gemalt, am seidenen Faden.

Eine glückliche Fügung, dass es der Bayerischen Staatsbibliothek 2007 mit Hilfe staatlicher und privater Sponsoren gelang, die fünf fehlenden Bände mit den drei seit 1950 in ihrem Besitz bewahrten zu vereinigen. Bayerns teuerstes Buch, die älteste deutsche Handschrift zum Neuen Testament, gastiert gerade im Bibelhaus-Museum Frankfurt.

Nach dem empfehlenswerten Rundgang durchs originelle Erlebnismuseum geht es treppab in die abgedunkelte Schatzkammer, vorbei an einem Cranach, szenischen Videos und einer Odyssee-Karte der Handschrift. Lange galt der in Thüringen aufbewahrte Teil als „Gothaer Bibel“. Heute heißt der Prachtband nach seinem Vollender, Pfalzgraf und Kurfürst Ottheinrich. Der von 1556 bis 1559 regierende Himmelsstürmer, der sich mit dem Kaiser anlegte, war ein herausragender reformatorischer Humanist und Sammler. Das Heidelberger Schloss ist so eng mit Ottheinrichs Namen verbunden wie die Universität und die Bibliotheca Palatina. Nach dem Dreißigjährigen Krieg gelangte der Codex nach Sachsen-Gotha.

Das Studium wechselhafter Zeitläufte macht klar, dass die Bibel mehrere Väter hat: Zuerst den Auftraggeber aus Bayern-Ingolstadt, Ludwig VII. den Bärtigen, und dessen unbekannte Schreiber, die dem Leben Jesu, Petri und Pauli sowie der Apostelgeschichte und der Johannes-Apokalypse so schöne Form gegeben haben. An den Rändern der Pergamentseiten (und im bereitliegenden Faksimile) sind mit bloßem Auge handschriftliche Anweisungen für die Miniaturen zu erkennen, die in drei Regensburger Werkstätten entstanden. 29 gotische Miniaturen und 43 kunstvolle Deckfarbeninitialen sind dem „Hieronymusmaler“, „Matthäusmaler“ oder „Markusmaler“ zugeordnet, mal weichgezeichnet, getupft und rund, dann kantig, faltenreich und streng konturiert.

Die Arbeit wurde nach ein bis zwei Jahren abgebrochen. 1530 gelangte das unvollendete Werk als Erbe zu Ottheinrich und dessen Lauinger Hofmaler Gerung. Gemäß alten Anweisungen wurden 117 der 146 Malereien ergänzt. Gerungs Renaissancestil lehnte sich an große Vorbilder an: Albrecht Dürers „Große und Kleine Passion“ und „Marienleben“, Drucke und Malereien Lucas Cranachs des Älteren, Hans Baldung Griens und Hans Burgkmairs.

Viele biblische Szenen hat Gerung neu arrangiert oder erfunden, vor allem die Illustration neutestamentlicher Briefe und der Apostelgeschichte. Das Ergebnis gemeinsamen Bemühens ist wundervoll: Die farbenfrohen Miniaturen mit ihren gelben, roten, violetten, blauen oder grünen Rahmen samt goldener und silberner Arabesken wirken einzigartig schön und frisch. Auch ohne Zentralperspektive sind durch geschickte Überschneidungen herrliche Farbräume geschaffen, meist in klarem und kühlem Licht. Malerische Innenräume und Stadtkulissen sind qualitativ mit denen Dürers und der Donauschule vergleichbar, bei denen der Goldgrund nicht vermisst wird.

Ohne Zweifel steht die Ottheinrich-Bibel in einer Reihe mit großen mittelalterlichen Bilderzyklen und berühmten Historienbibeln. Dass eins der Vorbilder, das Perikopenbuch des Diebold Lauber (1427), mit dem Historischen Archiv der Stadt Köln im Unglückskrater versunken sein soll, macht fassungslos. REINHOLD GRIES

„Prachtvoll – die kostbarste Illustrierte der Welt“ im Frankfurter Bibelhaus-Erlebnismuseum, Metzlerstraße 19: Bis 10. Mai Dienstag bis Samstag 10 bis 17, Mittwoch 10 bis 20, Sonn-/ Feiertage 14 bis 19 Uhr

Quelle: op-online.de

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