Buchskulpturen im Klingspor-Museum

Es war einmal in Kalevala

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An dünnen Nylonseilen schweben „Schiffshölzer“ im Raum, und Leporellos bergen geheimnisvolle Kalevala-Verse.

Offenbach - Wie Bücher und deren Inhalte zu begehbaren Räumen werden können, in dem gar die alte Einheit von Holz und Papier zurückgewonnen ist, zeigt die raumgreifende „Kalevala“-Installation von Anja Harms und Eberhard Müller-Fries im Klingspor-Museum. Von Reinhold Gries

Die Bad Homburger Buchkünstlerin und der in Offenbach geborene Bildhauer ergänzen sich dabei in idealer Weise. Seit fünf Jahren beschäftigt sich Harms in Zeichnung, Grafik und Lektüre mit den 50 sprachmächtigen Gesängen des urfinnischen Nationalepos „Kalevala“. Erst im 19. Jahrhundert von Elias Lönrot aus mündlicher Überlieferung zur Saga zusammengestellt, vereint es fast 23.000 Verse epischer, lyrischer und zauberischer Form um den mythischen Erzählstrang zu Pohjola, die Herrscherin des Nordlandes, und das magische Gerät Sampo, das Gold, Getreide und Salz herstellen kann. Die Zyklen reichen von Urtümlichem zur Schöpfung der Erde und des Eisens oder christlicher Legende um Marjatta (Maria) bis zu Mythen um den ödipusartigen Helden Kullervo, um den Schmied Ilmarinen und den Frauenheld Lemminkäinen. Eine große Rolle spielt darin der alte, weise Sänger Väinämoinen, eine Mischung aus Sagenheld, Schamane und mythischer Gottheit, auf den sich das Künstlerpaar bezieht.

Harms´ mit Müller-Fries gemeinsam geformte Stelen, archetypische „Schiffshölzer“ und „Feuernetze“ sowie bis mannshohe Raum-Leporellos tauchen tief ein in diese Zauberwelt. Dazu bringt Müller-Fries, inspiriert von altdänischen Hjörtspring-Booten, seine roh gesägten, geschnitzten und geflämmten Schiffsskulpturen an dünnen Nylonseilen ins Spiel. Sie schweben wie überdimensionale Netz-Fragmente aus Holz so im Raum, dass Schweres leicht gemacht wird. Wie sich Harms in Müller-Fries‘ Bildhauerkunst eingearbeitet hat und dieser in Harms´ grafische Künste, ist auch bei einer mehrere Meter breiten Stelen-Installation nicht mehr erkennbar. Darin spiegelt sich Schiffshölzer-Archaik in dicht radierten, flächigen Negativ- und Positiv-Formen und Aussparungen. An rückseitigen Prägespuren sieht man, dass groß abstrahierte Radier-Figuren nicht in modernen Druckverfahren aufgebracht, sondern wirklich geprägt, gedruckt, ausgeschnitten und collagiert sind.

In satten Blau-Weiß-Schwarz- und Rotklängen schweben auch kleinere Kalevala-Leporellos auf Platten, um beim Umrunden immer neue Perspektiven zu öffnen zu geheimnisvollen Kalevala-Versen. Man darf diese Raumbücher verändern, um neue Sichten zu gewinnen. Mannshohe Raum-Leporellos, die Nähe zueinander brauchen, um eine Gesamtschau zu ermöglichen, sollte man allerdings stehen lassen. Wie Skulpturen kann man sie begehen, um sie zu begreifen. Andere Stelen enthüllen im Inneren zarte, dicht gefügte Farbstift-Geflechte, welche die Atmosphäre der Kalevala-Texte auf der Rückseite einfangen.

Der Kontrast solchen Filigranwerks zu mächtigen, feuergeschwärzten Gitternetzen und sperrig-schönen Holzobjekten im Bühnenraum-Gesamtkunstwerk ist auch eine Steilvorlage für den Besuch des Stands von Harms und Müller-Fries auf der Buchmesse (Stand L6, Halle 4.1) und deren Präsentationen zur Gastnation Finnland.

Die Ausstellung „Schiffsholz für den Sänger. Das Kalevala-Projekt von Anja Harms und Eberhard Müller-Fries“ ist bis 23. November im Klingspor-Museum in Offenbach zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 10 bis 17 Uhr, Mi 14 bis 19 Uhr, Sa, So 11 bis 16 Uhr

Quelle: op-online.de

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