Von Bühnen und Bordellen

In Zeiten, in denen Manga-Comics auch im Westen begehrt sind, ist es spannend, sich ihre Vorbilder vor Augen zu führen.

Das Museum für Angewandte Kunst Frankfurt bietet eine prachtvolle Schau, die von zwei Sammlern lebt. 2000 erwarb es die bedeutende Kollektion des Malers und Städelprofessors Georg Geyger (1921-2004); nun kamen 179 großartige Holzschnitte des Sammlers Otto Riese (1894-1977) zurück in dessen Heimatstadt, die er 1932 verließ. Spitzenwerke der Sammlungen sind ab heute vereint.

Da sind zunächst Blätter aus der Edo-Zeit (Tokio hieß früher Edo) des 17. Jahrhunderts, als sich gesellschaftliche Veränderung bemerkbar machte. Das Bürgertum gewann Einfluss, Samuraikämpfer und Kaiserhof traten hinter dem Militär zurück. Die Bevölkerung der größten Stadt der Welt suchte Zerstreuung. Sie fand sie in Theatern und Bordellen.

Entsprechend erotisch aufgeladen sehen die in Ein-Platten-Holzschnitt gedruckten Sujets aus, in denen sich Religiöses mit Deftigem mischt. Da geben sich Damen der Teezeremonie und Schönheitspflege hin. Fein ausgebreitet sind Darstellungen bürgerlicher Freudenhaus-Gesellschaften, koloriert und detailliert. Künstler wie Moronobu oder Jihei achteten bei Theater-, Liebes- und Genreszenen auf edel verzierte Kimonos und stilvolle Bewegung. Hübsche Kurtisanen und Geishas mit attraktiven Dienerinnen laufen martialischen Kämpen den Rang ab.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Mehrplatten-Farbholzschnitt bevorzugt. Wer die fließenden Linien betrachtet, kann die Begeisterung Manets, van Goghs und Toulouse-Lautrecs für exotische Importkunst verstehen. Einflüsse auf den Jugendstil sind eindeutig. Alben und Suiten belegen das, umgeben von schlichten Keramiken, langen Rollbildern, prächtigen Paravents und aufwendigen Lackkästen.

Meister wie Kiyomasu und Koyonobu fügen kalligrafierte Poesie ins Bild. Shigenobus Schauspieler wirbeln 1736 futuristisch durchs Bild. Die grimmige Attitüde von Kiyo shiges Bühnenhelden (1748) wird von moderner Gewandgeometrie in den Schatten gestellt. Bezaubernd die filigranen Naturmotive. Hinter Harunobos Chrysanthemenschale geht der Vollmond auf. Koryusais Päonienbusch mit sich windender Schlange (1770) blüht so fantastisch wie Shunmans Goldnessel im Kalenderblatt von 1810.

Neben Eishis und Utamaros eleganten Frauenporträts hängen von Silbergrund gefasste Bildnisse (1794/95) des lange unbekannten Sharaku. Hokusais „Große Woge“ (1830) hat Generationen beeindruckt. Vögel und Blumen sind so hinreißend wie Landschafts- und Tempelbilder, die kühn komponierten Wasserfallszenen (1834/35) beispiellos. Hiroshiges farbkräftige Winter- und Küstenbilder, Kirschblüten-, Regen- und Flussszenerien (1830-1857) bilden das grandiose Finale. REINHOLD GRIES

„Helden der Bühne und Schönheiten der Nacht – Meisterwerke des japanischen Holzschnittes“ im MAK Frankfurt, 19. Februar bis 10. Mai Dienstag bis Sonntag 10 bis 17, Mittwoch 10 bis 21 Uhr

Quelle: op-online.de

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