Rainald Grebe bei den Burgfestspielen

Wuppertal und Wldiwostok

+
Schrill: Rainald Grebe erschien im pinkfarbenen Tutu auf der Dreieichenhainer Bühne.

Dreieichenhain - Wer Rainald Grebe nicht kennt, bei dem hinterlässt der Auftritt des gebürtigen Frecheners gewöhnlich ein riesiges Fragezeichen – zu schrill und gewöhnungsbedürftig ist das, was der Paradiesvogel unter den Liedermachern produziert. Von Maren Cornils

Gefällige Songs zu machen, das überlässt der Prix-Pantheon-Preisträger anderen, und freut sich dabei diebisch, wenn er selbst hartgesottene Fans noch zu überraschen vermag. So auch in der Hayner Burg, wo Grebe mit „Das Rainald Grebe Konzert“ beweist, dass er ein Abo auf bizarre Sangeskunst hat.

Das Grebe Schräges im Schilde führt, beweist schon sein Outfit. Im pinkfarbenen Tutu mit Plüschhasenohren betritt der Wahl-Jenaer die Bühne, um als Stefanie-Hertel-Parodie auf Schlagerstar zu machen. Vom „Lachenden Vagabund“ über die „Linde vor dem Tore“ reicht das Repertoire Grebes, das freilich weniger nach Volksmusik, denn nach einem wilden Medley aus Stadion-Hymne, Karnevalspolonaise und Volksmusik klingt. „Eine neue Leber ist wie ein neues Leben“, grölt Grebe da mit bis zum Anschlag aufgedrehter Stimme, um sich in seinem nächsten Titel mit Lagerfeuer-Musik aus Kroatien, Westfalen, Eisenhüttenstadt und Rheinhessen zu befassen.

Romantische Klänge indes dürfen die Zuschauer nicht erwarten. Im Gegenteil: Grebe arbeitet sich durch alle Schlagzeilen-trächtigen Themen, darunter Finanzkrise, Erderwärmung und Terrorismus. Nebenbei erfährt das geneigte Publikum, dass ein Kleinkünstler auf Background-Sängerinnen und großes Mischpult verzichten und stattdessen mit einem Kippschalter für „An“ und „Aus“ vorlieb nehmen muss, dass er das Land liebt, aber nur, solange er nicht dort ist, und dass er sich sein Bauernhaus im Brandenburgischen über Sanifair-Bons finanziert hat.

In den harmlos wirkenden Erzählpassagen verbirgt sich jede Menge Sprengstoff. „Wuppertal ist wie Wladiwostok ’62, wenn man immer nur den Osten mästet, das rächt sich“, reimt der Liedermacher ungeniert, um dann in „Urlaub in Deutschland“ kräftig über Provinzialiät und deutsches Biedertum zu spotten. Es folgt eine mit bizarren Zeilen wie „Zehn Vögelein schwirren um uns herum und kleben eine Collage zum Thema Bausparen“ aufwartende Ode an das Landleben, dem Grebe kurz darauf in „Anonymität“ eine Absage erteilt, indem er sich im Stakkato als rastloser Städter, Chai-Latte-to-Go-Fan und Dorfdeppen-Hasser outet.

Ob „Roibusch für alle“, „Reich doch mal den Rettich rüber“ oder ein Liederzyklus über Frechen und die typische 80er-Familienidylle mit Keramik-Klingelschild – Rainald Grebe besingt fröhlich deutsche Befindlichkeiten, nutzt dabei jedes Fettnäpfchen und ist mit Begeisterung politisch inkorrekt. Dass man mit derlei einen ganzen Abend füllen kann, mag erstaunen. Dass Grebes bizarre Revue prächtig unterhält noch viel mehr. Ein polarisierender Ausnahmekünstler, bei dem sich immer wieder die Frage stellt: Ist Grebe wirklich so gnadenlos schräg oder konsumiert er einfach zu viele Drogen? Den Zuschauern ist’s egal: Sie liegen am Ende der Vorstellung ohnehin vor Lachen am Boden!

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare