„Schorsch Dandin“ bei Burgfestspielen

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Damit das Publikum durchblickt, zeigt ein Schild die Tageszeit an. Später wechselt die Anzeige zu „Es dämmert“. Trotzdem sehen der tumbe Lappes (Philipp Hunscha) und die treulose Angelika (Judith Niederkofler) nicht viel klarer...

Dreieich - Worüber der Barockmensch gelacht hat, lässt sich knapp zusammenfassen: „Was ist das für ein Theater hier?“ „Wir sind Schäferinnen. “ „Sie haben aber keine Schafe. “ „Wir warten noch. “ „Auf die Schafe?“ „Nein – auf die Schäfer!“ Gekicher. Von Markus Terharn

Dieses neckische Schäferspiel bildet den Rahmen für „Schorsch Dandin“, im Untertitel ausgewiesen als „Der beduppte Ehemann“. So hat Rainer Dachselt die Komödie Molières dem Hessischen anverwandelt und dabei überwältigende Mundartfreude an den Tag gelegt. Mit seinem Gastspiel bei den Burgfestspielen Dreieichenhain landet das Ensemble von Barock am Main einen Volltreffer im ausverkauften Burggarten.

Barock ist der Gesang, mit dem ein treffliches Quartett das pastorale Geturtel über den Graben bringt. Anne Ganzenmüller, Andrea Sobiesinsky, Alexander Keidel und Andreas Drescher leisten vorzügliche Arienarbeit, flott untermalt vom glänzend aufgelegten Instrumentalensemble unter Rhodri Brittons schmissiger Stabführung. Barock sind auch Bühne und Kostüme, von Ilse Träbing mit dem Mut zu greller Überzeichnung entworfen, sowie die fette Maske von Katja Gieß. Der Rest ist Main.

Und das im besten Sinne. Regisseurin Sarah Groß hält ihre Darsteller an, dem Affen Zucker zu geben. Ein Michael Quast lässt sich das ja nicht zweimal sagen. Mit Jammern und Wehklagen, mit lustvoll schmerzverzerrter Leidensmiene und Hang zu derben Schimpfkanonaden gibt er den Bürgersmann, der eine Adelsfrau geheiratet hat, die ihn betrügt. „Zu hoch gefreit wird tief bereut“, wandelt der Gehörnte die Spruchweisheit ab und sinniert: „Mei Uffstiesch war ein tiefer Fall...“ Mit Auftrittsbeifall begrüßt, mit Abgangsapplaus verabschiedet: Quast macht mal wieder alles richtig.

Wie berechtigt Dandins Argwohn gegen die Gattin ist, offenbart ihm unfreiwillig der geistig arg unterbelichtete Lappes. In dieser Rolle avanciert Philipp Hunscha zum Publikumsliebling sowie (buchstäblich) zum Lieferanten von Schenkelklopfern. Dass ihm die kesse, nicht auf den Mund gefallene Bärbel in Gestalt von Pirkko Cremer zuteil wird, sei ihm von Herzen gegönnt. Als Faktotum Karlche ergänzt Alexander Beck das niedere Personal.

Dagegen sind die Schwiegereltern von der Untreue ihrer Tochter schier nicht zu überzeugen. Matthias Scheuring und Hildburg Schmidt geben das Aristokratenpaar mit dem schönen Namen von Drallaff in überakzentuiertem Hochdeutsch.

Gern ins genäselte Französisch weicht Dandins Rivale Hyazinth aus, den Pascal Thomas als Lackaffen zeichnet. Damit passt er zur umworbenen Angelika, der Judith Niederkofler affektiertes Gehabe und einen herrlichen Scheintod in Zeitlupe verleiht.

Der Inszenierung gelingen Kabinettstückchen wie jene Nachtszene, in der die Akteure nichts, die Zuschauer alles sehen. Am Ende erfährt Dandins früh gewonnene Einsicht „Ein Mann muss schlucken, was er schlucken muss“ eine hübsche Pointe: Wein soll er schlucken und darf doch nach Liebe gucken, wie es das Wettsingen sinngemäß verkündet.

Quelle: op-online.de

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