Burgfestspiele Dreieichenhain

Brecht in Finanzkrise

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Drei Männer und ein Plan: Manfred (Hans Scheibner), Bernhard (Klaus Peeck) und Alfred (Olaf Kreuzenbeck, von links).

Dreieichenhain - Unverhofft kommt oft. So erhält Dreieichenhain bei den Burgfestspielen Gelegenheit, den Autor auf der Bühne zu erleben. Von Markus Terharn 

In der Komödie „Die Geiselnahme“, als Gastspiel der Hamburger Kammerspiele in der Inszenierung der Uraufführung zu sehen, springt der bekannte Kabarettist für den kranken Detlef Heydorn ein. Mit seinem Text zeigt sich Scheibner recht vertraut. Es ist indes nicht seine stärkste Arbeit. Dabei fängt es launig an, mit einem Lied in bester Brecht-Weill-Manier (Musik: Matthias Winkler): „Wer keine Yacht hat, kann auch ruhig schlafen, er zahlt ja keine Liegeplatzgebühr.“

So schöne Sentenzen sind dem inzwischen 77-Jährigen reihenweise eingefallen. Er fühlt sich eher auf satirischer Kurzstrecke wohl, weniger im Theaterlanglauf. Dabei drückt der Regisseur Hanns Christian Müller aufs Tempo. In der Spitzen-Marathonzeit von 2:10 Stunden sind alle Darsteller im Ziel. Brecht, auch direkt zitiert, könnte Pate gestanden, seine rhetorische „Dreigroschenoper“-Frage „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ die Anregung geliefert haben. Hier könnte es heißen: „Was ist die Entführung eines Bankers gegen miese Beratung durch die Bank?“

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In einer roh gezimmerten Holzhütte (Ausstattung: Beatrice von Bomhard) heckt ein Rentnerduo, das zum Trio wird, den finsteren Plan aus: Greifen wir uns den Kerl, der uns um unsere Ersparnisse gebracht hat, holen wir uns unser Geld zurück! Aber wie, wenn man nicht Ganove gelernt hat? Zudem plagt die alten Herren das eine oder andere Zipperlein, das lustvoll ausgespielt wird. Kopf der Bande ist Alfred Szymanski, den neben der Rachsucht eine weitere Motivation antreibt: Seiner Luise will er eine neue Niere kaufen, egal woher sie stammt. Er hat’s in der Hüfte, was Olaf Kreutzenbeck zu komischen Verrenkungen nutzt.

Als Stimme der Vernunft versucht sich Manfred Klüsendorf, der Fitteste der Drei. Scheibner lebt genussvoll seine Bühnen- und Bildschirmerfahrung („scheibnerweise“) aus, gerät gelegentlich ins Schwimmen, findet jedoch stets ans rettende Ufer. Den dankbarsten Part hat Klaus Peeck als grobschlächtiger, tumber Bernhard Baumann, der andauernd seine Blase leeren muss: „Prostata.“ Mit Fischernetz und Baseballschläger macht er trotz bedenklichster Senilität einen bedrohlichen Eindruck. Das Ränkeschmieden zieht sich hin. Erst als die Gang ihre Bude verlassen hat, ist Schwung in derselben. Dafür sorgt Alfreds Enkelin Alicia, von TV-Sternchen Alexandra Kamp in sexy Klamotten als Hure mit Herz, indes nicht ohne Hirn angelegt. Begleitet von ihrem Zuhälter Ronaldo, den Tim Grobe mit Macho-Gehabe und hanseatischem Proll-Charme als Paraderolle gestaltet. Und als ihr Opfer, in eine Decke eingewickelt – Banker Mönchmeier.

Als ihn die Zuschauer eben bedauern wollen, weil er zu Reg- und Sprachlosigkeit verurteilt ist, zeigt Dietmar Hocicka ungeahnte Beweglichkeit. Und als er sich befreit und seine Zungenfertigkeit zurückerlangt hat, droht er in seine beruflichen Gepflogenheiten zurückzufallen.  Als Reigen von Charakterstudien funktioniert das ganz gut; als antikapitalistisches Lehrstück im Zeichen der Finanzkrise ist es zu geschwätzig. Und leider ist Scheibner zur Auflösung nichts Pfiffigeres eingefallen, als Kamp wie eine reitende Botin zu Fuß das Ende verkünden zu lassen. Da wären wir lieber bei Brecht: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“

Jazz in der Burg in Dreieichenhain

Quelle: op-online.de

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