Chinesische Weisheit und Poesie der Zahlen

+
Kalligraphie und Schriftpoesie vereint die neue Ausstellung im Klingspormuseum.

Das Klingspormuseum scheint derzeit vor chinesischen Schriftzeichen überzuquellen. Vehemente kalligrafische Schwünge der „Grasschrift“, von der 1947 in Hongkong geborenen Künstlerin Yu Mo Hung Umbach auf Tücher gemalt, empfangen schon am schmiedeeisernen Gitter des Palais. Von Reinhold Gries

Im Kaminzimmer hängen sieben großformatige Rollbilder in ähnlichem Cao-Shu-Duktus der modernen Art. Dann folgen Umbachs hohe Flaggen mit klaren, oft streng ornamentierten Xiao-Zhuan-Schriftzeichen.

Es lohnt, nicht nur bei der formalen Schönheit stehen zu bleiben. Die darin abgebildeten 2500 Jahre alten Weisheiten des „alten Meisters“ Lao Tse, festgehalten in der Aphorismensammlung „Tao Te King“, frappieren durch Zeitlosigkeit: „Wer andere kennt ist klug, wer sich selber kennt, ist erleuchtet “ Je mehr man sich in buddhistische Gedichte und Klagelieder einliest, umso mehr ist man von den Lebenskräften Yi, Hae und Mee fasziniert. Von antiker und christlicher Weisheit und neuzeitlichem „Zurück zur Natur“ ist vieles nicht weit entfernt.

Kalligraphie und Schriftpoesie vereint die neue Ausstellung im Klingspormuseum.

Mit zeitlos-klassischem Bildungsgut hat sich auch der 1900 in Ungarn geborene und 1987 in der Schweiz verstorbene Maler, Grafiker, Illustrator und Typograf Imre Reiner beschäftigt. Da entdeckt man Aristophanes’ Komödien „Die Frösche“ und „Die Vögel“ und Hesiods „Werke und Tage“ mit filigranen Holzstichen Reiners, Johann Wolfgang von Goethes klassischer Auflistung „Chinesisch-deutscher Jahres- und Tageszeiten“ mit Reiner-Radierungen und Voltaires „La Princesse de Babilone“ mit zweifarbigen Reiner-Initialen und Illustrationen. Gerard des Nervals „Aurelia“-Illustrationen spiegeln in Bild und Schrift dessen halluzinatorische Visionen in Formen deutscher Romantik. Tiefgang haben auch die Holzstiche zu Robert Walsers „Eine Ohrfeige und Sonstiges“ und Rainer Maria Rilkes bukolischem Gedichtzyklus „Les Roses“ aus der Sammlung des unvergessenen Offenbacher Kulturförderers Kurt Kampf .

„Imre Reiner und Yu Mo Hung Umbach – Gezeichnet, Geschrieben“ bis 21. Juni im Klingspormuseum Offenbach. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 16 Uhr.

Eine Kunst für sich sind Reiners „Stillleben in Schriftnähe“, mehrfarbige Originalzeichnungen mit Farbstift und Tusche, die aus expressivem wie surrealem Fundus schöpfen. Vor allem die magische Sieben versteckt sich kunstvoll: „Die Sieben im Stilleben“, „Hauptsache 7“, „Die Sieben im grauen Stilleben“. Auch andere Zahlen und Buchstaben entwickeln eigentümlich abstrahierte Gestalt, mal eher amorph oder zerbrechlich, dann wieder als imaginäre Blüten oder rissige und tropfende Figurationen. Ähnlich feingestuft treibt Reiner bei seinen Ziffernbildern ein sensibles Spiel mit Farben und Formen. Die dekorative Farb- und Tuschezeichnung „R“ kann ihre Verwandtschaft zu Paul Klees kubistischer „Villa R“ kaum verleugnen. Wie Klee scheint Reiner der Poesie verfallen, die seine Originalzeichnungen „Windbrief“, „Eine romantische Bühne“ und „Drei Cypressen“ ausstrahlen, zum Teil aus den 40er Jahren stammend. Dabei träumte Reiner auch in Krisenzeiten keineswegs nur in den Tag. Dafür stehen seine eleganten Schrifttypen, die er in den 30er Jahren für die Gebr. Klingspor in Offenbach oder die Bauersche Gießerei und die Stempel AG in Frankfurt gießen ließ. Deren Namen verweisen auf den Schriftpoeten: „Meridian“, „Symphonie“, „Mercurius“, „Gotika“.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare