Liebe und Endlichkeit

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Eine Szene aus „New Work“ der Compagnie La La La Human Steps.

Frankfurt - Der Kanadier Édouard Lock ist mit seiner Compagnie La La La Human Steps Mitte der Achtziger Jahre durch spektakuläre Choreografien berühmt geworden, deren Kennzeichen eine artistisch kraftstrotzende Bewegungssprache gewesen ist. Von Stefan Michalzik

Das aufsehenerregende Plakat zu dem auf das Jahr 1985 zurückgehenden Stück „Human Sex“ zeigte die Tänzerin Louise Lecavalier, Locks langjährigen Star und seine Muse, in der Waagerechten eines regelrechten Flugs durch den Raum. Locks neueste, schlicht „New Work“ genannte Arbeit, die wenige Wochen nach der Premiere in Amsterdam nun im Zuge der vom Frankfurter Mousonturm initiierten Tanzoffensive in der Höchster Jahrhunderthalle zu sehen gewesen ist, mutet für Locks Verhältnisse in ihrer Dramaturgie sehr ruhig an, keineswegs aber zahm.

Der 56-jährige hat sich die in der Antike gründenden Liebesgeschichten der beiden Barockopern „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell und „Orpheus und Eurydike“ zum Ausgangspunkt genommen. Die Musik des englischen Komponisten Gavin Bryars greift den Barockstil der Vorlagen auf und überführt ihn in einen musikalischen Minimalismus. Wie die Musik ist auch der Tanz von steten Wiederholungen bei einem fortwährenden Wechsel der Zusammenhänge geprägt.

Schnell und abgehackt, mitunter zeitraffergleich

Die Bühne bleibt den ganzen Abend über dunkel. Im Hintergrund sind die in ein goldenes Licht getauchten Musiker zu sehen, ein Quartett aus Klavier, Saxofonen, Bratsche und Violoncello. Scheinwerfer schneiden von oben herab Lichtkegel in die Dunkelheit. Die Körper und die Gesichter der jeweils fünf Tänzerinnen und Tänzer bleiben verschattet; Wechsel der Lichtkegel schaffen blitzgeschwinde Brüche. Für das Auge scheint das Licht die Körper mitunter in Sekundenschnelle in ihrer Position auf der Bühne zu verschieben.

Schnell und abgehackt, mitunter gar zeitraffergleich wirken auch die Bewegungen selbst. Es wird, seitdem Édouard Lock mit seinem Stück „Salt“ von 1999 den Formenfundus des klassisch-romantischen Balletts für sich entdeckt und für seine moderne Tanzsprache nutzbar gemacht hat, auf Spitze getanzt. Die Frauen tragen schwarze Bustiers, die Männer Anzüge. In einer Figur, die immer wiederkehrt, dreht sich eine Tänzerin spindelförmig um die eigene Achse, in der sie gleichsam von den Händen einer Kollegin gehalten wird. Immer wieder sind es Pas de deux, die sich aus den sich meist in Kleingruppen abspielenden Szenen herauslösen. Was sich hier abspielt, scheint dem von dem französischen Philosophen Paul Virilio beschriebenen Zustand des „rasenden Stillstands“ zu entsprechen. Auch die Liebe bleibt vom ewigen Fortgang der Dinge nicht verschont.

Den Aspekt der Vergänglichkeit greift auch eine auf zwei mehrfach Tanz und Musik unterbrechend herabgelassene tafelbildartige Flächen projizierte Videoarbeit auf. Eine Frau mittleren Alters, später eine sehr junge, ist parallel zu einer alten zu sehen, unter den verknacksten Klängen eine alte Orchesteraufnahmen verwendenden Klangcollage von Blake Hargreaves. Eines derart plakativen Verweises hätte es nicht bedurft. Abgesehen davon handelt es sich um ein Tanzstück von bemerkenswerter Strenge und Klarheit, in seiner Reduktion auf den Körper dem Ballett näher als dem Tanztheater. Lock vermag es noch immer, außergewöhnliche Arbeiten auf der Höhe der Zeit hervorzubringen.

Quelle: op-online.de

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