Chronisten einer Stadt im Umbruch

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Kinder auf der Knobelsdorffbrücke im Sommer 1898. Heinrich Zille war mit der Kamera, anders als in Zeichnungen, ein nüchterner Fotograf des Alltags.

Berlin um 1900. Die Gründerzeitmetropole ist im Aufbruch, überall entstehen neue Mietquartiere. Im Westen wächst eine Fabrikstadt, die zu den größten der Welt gehört. „Niederreißen und zerstören, freilegen und Raum schaffen: das ist das Wichtigste“ schrieb der Industrielle Walther Rathenau 1899, als Außenminister der Weimarer Republik 1922 ermordet. Von Reinhold Gries

Wie sich Menschen in solcher Umbruchwelt fühlten, zeigt eine Ausstellung im Bad Homburger Sinclair-Haus. Erstmals begegnet das zeichnerische Frühwerk der sozial engagierten Käthe Kollwitz (1867-1945) den selten gezeigten Fotos des Milieu-Zeichners Heinrich Zille (1858-1929). Die 60 Kollwitz-Zeichnungen, Skizzen und Grafiken wie die gleich vielen Neuprints der 1966 entdeckten Zille-Fotografien stammen aus der Zeit von 1890 bis 1910 und sind nicht zu Ausstellungszwecken entstanden. Das macht sie in ihrer Unverstelltheit und Ungekünsteltheit besonders wertvoll – und fast modern.

Einblicke in gequälte Seelen: Zeichnung von Käthe Kollwitz

Vor allem Zille dokumentiert Streifzüge durch Berliner Viertel kunstlos nüchtern, verzichtet auf demonstrative Gesten, bildmäßige Schönheit und Ausgewogenheit – und sogar auf den in seinen Zeichnungen zu entdeckenden Humor. Dokumentarisch hält er den Kleinbürger- und Arbeiteralltag fest. Der abgeschaffte Arbeiter auf dem Heimweg, sich abrackernde Frauen mit reisigbeladenen Kinderwagen, herumtollende Kinder an Müllkippen, dazu das Charlottenburger „Dazwischen“ mit leeren Räumen und Provisorien – Zilles Fotos malen kein Genre idyll. Keine „gute alte Zeit“.

„Nahsicht – Käthe Kollwitz. Heinrich Zille“ bis 7. Februar im Bad Homburger Sinclair-Haus der Altana-Kulturstiftung (am Schloss). Geöffnet: Dienstag von 14 bis 20, Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19, Samstag und Sonntag 12 bis 18 Uhr.

Die Zeichnungen der aus bürgerlicherem Umfeld stammenden Käthe Kollwitz zeigen mehr Mitgefühl. Als Ehefrau eines Berliner Volksarztes kannte sie das Elend aus nächster Nähe. Dazu beschäftigte sich die Sozialistin mit historischen Hintergründen. Entsprechend gerät die düstere Lithografie „Tod“ ihres Zyklus zum Weberaufstand zu stummer sozialer Anklage, auch wenn sie altmeisterlich präzis gezeichnet ist. Wie bei Zille wirken die mit Feder-, Pinsel oder Bleistift porträtierten Menschen oft vereinzelt und entfremdet. Die Unbequemlichkeit setzt sich in Motiven aus dem privaten Familien- und Wohnumfeld fort. Aufgesetzte Posen und Gesten fehlen, umso tiefer dringt sie in innere Verwerfungen ihrer Modelle ein. Selbst ihr Sohn Hans dient ihr als Spiegel der sie umgebender Bedrückung. Dazu zeigen tiefschürfende Selbstporträts eine sich um die Welt sorgende Mutter, aber auch Momente fast magischer Selbstvergessenheit.

Quelle: op-online.de

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