Cleopatra auf Film-Trip

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Auch darstellerisch ungemein wirksam: Sopranistin Brenda Rae als Cleopatra

Frankfurt - Cäsar geht ins Kino. Zumindest in der Neuinszenierung von Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ an der Oper Frankfurt, die Regisseur Johannes Erath als Alptraum abgelichtet hat. Von Klaus Ackermann

In hermetisch von der Außenwelt abgeschlossenen Räumen spielen die allesamt beschädigten Helden ein barockes Dramma per musica um Liebe und Tod – und wachsen über sich hinaus. Allen voran Michael Nagy als profunder Titelheld und Brenda Rae, eine stimmlich blendende Cleopatra. Stimuliert vom Opern- und Museumsorchester, das unter der Leitung von Erik Nielsen noch in Kammerbesetzung dramatisch Druck macht.

Ein Telefon klingelt, der Anrufbeantworter gibt Laut, bevor die Ouvertüre Fahrt aufnimmt. Und im kühl modernistischen Bühnenbau (Herbert Murauer) den Blick auf eine Party-Gesellschaft lenkt, die mit Textbüchern gestikuliert und deren Bewegungen immer wieder eingefroren werden, Hinweis auf einen Film, wie die Hintergrund-Projektionen.

Wenn Pompeos Kopf in einer Kiste hereingetragen wird – auch kopflos wie eine Art Running Gag immer wieder präsent –, kommt das grausame Machtspiel in Gang. Der ägyptische Möchte-gern-König Tolomeo hat den abtrünnigen Verbündeten Cäsars ermordet, um die Gunst des Römers zu erlangen, was sich ins Gegenteil verkehrt. Die Situation nutzt Cleopatra, die wie Venus einem Schaumbad entsteigt, Cäsar als vermeintliche Lidia bezirzt und für sich gewinnt - allesamt in karikierenden historischen Kostümen (Katharina Tasch) aktiv. Dann führt eine Leiter zu einer Art Fahrstuhl, durchsichtige Vorhänge eignen sich zum Verhüllen wie zum Umgarnen und die Pistolen sitzen locker. Es gibt eine Slow Motion, und der Film, dessen Abspann in Arien-Länge gezeigt wird, spult auch mal zurück. Der böse ägyptische Thronanwärter stirbt gleich zweimal, mit Zelluloid-Bändern erdrosselt und im Blitzlicht-Staccato per Schwert erstochen.

Harmonie zwischen Klischees und barockem Ton

Erstaunlicherweise harmonieren die Film-Klischees ideal mit Händels barockem Ton zwischen Rezitativ, Arie, Duett und Oktett, vom historisch informierten Nielsen sängerdienlich dirigiert. Ob nun Largo-selig entrückt, wenn die traurigen Helden sich seelisch verbarrikadieren, von ganz modern wirkendem Klangreiz oder von dramatischem Druck, der Hochspannung erzeugt. Einmal mehr sind die solistischen Qualitäten evident, den Naturhörnern gebührt ein dickes Lob.

Wie dem glanzvoll intonierenden Bariton (bei Händel ein Altus) Michael Nagy, der nach wie vor stimmlich beeindruckt, wenn er Gefühl zeigt und die Flüchtigkeit des Lebens besingt, zudem sich per präzisen Koloraturen regelrecht in Rage singend, mit dem stimmstarken Bariton Sebastian Geyer (Curio) zur Seite. Als sein Widersacher ist Altus Matthias Rexroth in Bestform, der mordet und vergewaltigt wie in TV-Krimis zur besten Sendezeit, sympathisch indes durch eine zu echter Emotion fähige Stimme. Sein Objekt der Begierde ist Pompeos Witwe, der Tanja Ariane Baumgartner ihren dunkel timbrierten Mezzo leiht. Begehrt wird sie vom Tolomeo-Getreuen Achilla, den Simon Bailey mit geradlinigem Bass-Bariton gibt. Auch mit geschlechtlichen Identitäten spielt Regisseur Erath filmreif. So ist Pompeos Sohn Sesto für die stimmlich grandios auftrumpfende Mezzosopranistin Paula Murrihy eine Hosenrolle, die sie auch im Abendkleid absolviert. Der Cleopatra-Vertraute Nireno (Dmitry Egorov) ist ein fantastischer Countertenor, der sich selbst im Frauengewand wohl fühlt.

Wie Brenda Rae in den gefühlsmäßig changierenden Cleopatra-Arien mit ihrem schon unheimlich präzisen, federnden Koloraturen-Zierrat – ein zudem darstellerisch ungemein wirksamer Sopran. Noch im Happyend-Duett, nach dem die Bühne wieder auf Zimmergröße schrumpft, ein Weckerklingeln aus üblen Träumen reißt – und die Film-Premierenparty beginnen kann. Dann watschelt sogar ein Krokodil ins Bild, Schlusspointe nach fünfstündiger Dauerspannung. Das allein ist ein starkes Stück.

Quelle: op-online.de

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