Laues Lüftchen im Zeichen des Abschieds

Frankfurt - Ein vorgezogener Abschied? Offenkundig. Die Crystal Pites mit „The Tempest Replica“ im Mousonturm. Von Stefan Michalzik

Offiziell ist es zwar noch nicht heraus, doch es sind auf der Premierenfeier zum neuen Stück von Crystal Pite, die seit zwei Jahren mit ihrem Ensemble Kidd Pivot Frankfurt RM als Hauschoreografin am Mousonturm residiert, auffallend viele Reden gehalten worden. In einer davon fiel eine schwerlich misszuverstehende Andeutung. Von Niels Ewerbeck, der zum Jahreswechsel den Posten des Intendanten übernehmen wird, ist ohnedies bekannt, dass er im Zuge einer programmatischen Neuausrichtung des Hauses dem Tanz weniger Aufmerksamkeit zu widmen gedenkt. Den Ende 2012 auslaufenden Vertrag mit Crystal Pite will er offensichtlich nicht verlängern.

„Eine Arbeit von Crystal Pite“

Als „Eine Arbeit von Crystal Pite“ hat die kanadische Choreografin ihr auf Shakespeares „Der Sturm“ zurückgehendes Stück „The Tempest Replica“ neutral deklariert. Das ist nicht dumm. Den Einwand, mit Blick auf den ersten Teil lasse sich von einer Choreografie nicht ernstlich sprechen, kann sie mit dem Verweis parieren, dass sie diesen Anspruch ja auch gar nicht erhebe. Das macht die Sache nicht besser.

Erst einmal handelt es sich um Bewegungstheater. Pites vollbärtiger Prospero Eric Beauchesne sitzt schon während des Einlasses in Ruhe Papierschiffchen faltend vor einer sich später als blickdurchlässig erweisenden Plane. Nachdem er der auf seinen Ruf hin als Luftgeist Ariel erschienenen Tänzerin Sandra Marin Garcia eines der Schiffchen übergeben hat, entfacht er mit dem Wort „Schiffbruch“ einen Sturm.

Quartett weiß gekleideter, mit Fechtmasken angetaner Replikanten

Ein Quartett weiß gekleideter, mit Fechtmasken angetaner Replikanten sieht sich unter mächtig Donnerblitz und Sturmgeräusch hinter der geblähten Plane der ventilatorgetriebenen Naturgewalt ausgesetzt. Die weiblichen Weißlinge, die bald auftauchen, tragen Stöckelschuhe. Ein animierter Schattenriss – William Kentridge lässt grüßen – erzählt die Geschichte von der Verschleppung eines Kindes aus einem Schloss auf Prosperos Insel. Fabelwesen tauchen erst als Schattenspiel und dann leibhaftig auf der Bühne auf. Ein Paar feiert zu schmissiger Swingmusik tanzend Hochzeit. Sinkt jemand in Schlaf darnieder, sprudeln Z-Z-Z-Buchstaben in Comicstrip-Manier hinter ihm auf. Mitunter wird Shakespeares Text eingeblendet – man könnte meinen immer dann, wenn Crystal Pite körpersprachlich nicht mehr weiter weiß.

Es will viel Possierlichkeit – und gleichsam die Wiederkehr des pantomimischen Handlungsballetts aus dem 19. Jahrhundert im Zeichen der Multimedialität – überstanden sein, bevor schließlich das aus vier Männern und drei Frauen bestehende Ensemble in Straßenkleidung in Erscheinung tritt. Wir sehen uns von der fantastischen Welt der Insel in die urbane Wirklichkeit von urbanen Figuren zurückversetzt, die jenen im Zuschauerraum gleichen. Der Abstraktionsgrad ist jetzt höher, tanzsprachlich sonderlich aufregend ist das alles nun aber auch nicht. Einige leidlich ansehnliche Soli, Pas de deux und Gruppenszenen hat es nun zwar, bis nach eineinviertel Stunden alles vorbei ist. Die machen die Sache aber nicht wett.

Quelle: op-online.de

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