Dada-Text als Kammerstück

Frankfurt - Über all der ungebrochenen Aufmerksamkeit für die Lautgedichte „An Anna Blume“ (1919) und „Ursonate“ (1921-32) wird übersehen, dass ihr Urheber Kurt Schwitters ein zwar schmales, durchaus aber die Auseinandersetzung lohnendes literarisches Werk hinterlassen hat. Von Stefan Michalzik

Mit seiner Merz-Kunst, deren Namen er aus dem für eine seiner Bildcollagen verwendeten Briefkopf der Privat- und Kommerzbank seiner Heimatstadt herleitete, leistete der Hannoveraner von 1919 an einen fundamentalen Beitrag zu der drei Jahre zuvor von Hans Arp, Hugo Ball, Richard Huelsenbeck und anderen begründeten Dadaistenbewegung. Als kammermusikalisches Quintett, Notenständer vor sich postiert, haben sich Ensemblemitglieder des Frankfurter Schauspiels unter dem Titel „Die Gazelle zittert“ zu einer Schwitters-Lesung in der Box formiert. Das drängt sich auf, denn Schwitters’ Textwerk kennzeichnet eine Nähe zu Strukturmerkmalen der Musik.

Mag der Humor in „An Anna Blume“ und in der „Ursonate“ auch von eher beiläufiger Natur sein, so tritt er in anderen Lyrik- und Prosatexten offensiver zutage. Zwei Herren diskutieren ausführlich und mit den spitzfindigsten Wendungen über die Existenz eines „Bindwurms“, einer Kreuzung zwischen Lindwurm und Bandwurm. Die Szene samt ihrem finalen Ausruf „Es bleibt halt ein Unsinn!“ könnte ebenso gut von dem gleichfalls musikaffinen Komiker Karl Valentin stammen. So mancher leichtfüßige Reim erinnert aus heutiger Sicht an die später Geborenen Heinz Erhardt und Robert Gernhardt.

Frankfurter Quintett macht die Sicht auf die Texte frei

Das unter Dirigentin Constanze Becker von dem männlichen Solistenensemble um Initiator Oliver Kraushaar, Michael Abendroth, Michael Goldberg und Torben Kessler aufgeführte „Nies-Scherzo“ sowie ein Husten-Pendant erheben körperliche Geräusche in den Stand der Lautpoesie. Die Zentrale, ob ihrer Länge von Constanze Becker gestückelt vorgetragene Geschichte von der „Zoologischen-Garten-Lotterie“ zeichnet die surreale Fantasie des turbulenten Einzugs von Zootieren in ein bürgerliches Wohnhaus.

Aufführungen dadaistischer Werke waren lange Zeit durch Versuche einer Nachstellung dadaistischer Soireen samt Vortrag von Manifesten und didaktischer Unterfütterung zu den Hintergründen der Bewegung belastet. Das Frankfurter Quintett macht die Sicht auf die Texte frei. Das Angebot zum schauspielerischen Virtuosenstück schlagen diese Könner – weitgehend – aus. Es geht um den Text, nicht in erster Linie um den Schauspieler: Das hat man sich gewinnbringend zur Leitlinie gemacht. Es gab viel zu lachen an diesem Abend, auf einem erlesenen Niveau, unabhängig von der gängigen Gedenkkultur.

Quelle: op-online.de

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