Daphne auf der Couch

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Der Inzest ist jetzt Opern-aktenkundig: Maria Bengtsson singt die Titelpartie in der Inszenierung von Claus Guth.

Als Psycho-Krimi kam der griechische Mythos um „Daphne“ in Claus Guths Neuinszenierung des Einakters von Richard Strauss rüber. Für Aufregung hatten an der Oper Frankfurt zudem die Kreislauf-Beschwerden des Kanadiers Lance Ryan kurz vor der Premiere gesorgt, der als göttlicher Verführer Apollo dennoch alles wagte und gewann. Von Klaus Ackermann

Wenn auch spürbar gehandicapt, hielt sein Heldentenor durch, freilich überstrahlt von dem selbst in steiler Höhe schwerelosen Sopran der Titelheldin Maria Bengtsson, die am Ende ebenso gefeiert wurde wie Dirigent Sebastian Weigle und das Museumsorchester. Ein Fischer, der wie ein Souverän auftritt und sein „Volk“ zum Fest der blühenden Rebe aufruft, so dem Gott Dionysos huldigend.

Seine Tochter Daphne, die nicht erwachsen werden will und sich der Liebe ihres Kindheits-Gefährten Leukippos durch Weltflucht entzieht – Sonne, Licht, und vor allem Bäume und Blumen haben es ihr angetan, was Gott Apollo nutzt, um Daphne zu verführen und den Konkurrenten im Zweikampf zu töten: Kaum einer, der in dieser Oper nicht von Obsessionen geplagt, der nicht psychisch beschädigt scheint.

Es ist das große Thema Claus Guths, der auf Spurensuche geht, wie er selbst angelegentlich den Köder auslegt. Eine alte Dame (Corinna Schnabel), unverkennbar Daphnes Alter ego, blickt sich schon zur delikaten Holzbläser-Intro in einer heruntergekommenen Villa um, die jedem Ingmar-Bergman-Film zur Ehre gereicht hätte (Ausstattung: Christian Schmidt), offenbar Stationen ihres Lebens erinnernd, die sie mühselig mit Krückstock auf der Drehbühne erwandert. Denn Daphne, die sich in einem Wandschrank mit ihr gleichender lebensgroßer Puppe ein Refugium schuf, umgeben dunkle Geheimnisse, auch Grund ihrer körperlichen Verweigerung, die nach der Verführung durch Apollo – in eben diesem Schrank – eine Katastrophe heraufbeschwört.

Der Inzest ist jetzt Opern-aktenkundig

Es hat mit ihrem dominanten Vater zu tun. Das unterstreicht selbst der gequälte Gesichtsausdruck ihrer Mutter (Altistin Tanja Ariane Baumgärtner). Mit grauer Mähne und Gehrock könnte dieser Fischer, dem Matthew Best seinen souveränen Bass andient, sehr wohl auch ein Internatslehrer sein. Wie die von ihm regulierte Männergesellschaft in dunklen Anzügen, die sich Masken anlegt, wenn das Fest seinem rauschhaften Höhepunkt zustrebt, der Vergewaltigung Daphnes. Und wenn am Ende die Titelheldin den Tod des Leukippos (der ausdrucksfähige, gehaltvolle Tenor des Daniel Behle ist eine neuerliche Entdeckung) beweint und der Vater vor ihrem Alter ego ebenfalls in den Wandschrank flieht, sieht man dort Klein-Daphne an einen Stuhl gefesselt. Der Inzest ist jetzt Opern-aktenkundig – vorlagegemäß lässt der für einen griechischen Gott ausgesprochen skrupellose Apollo (wie sich der indisponierte Lance Ryan allmählich freisingt, nötigt Respekt ab) Daphne in einen Lorbeerbaum verwandeln.

Ideal abgesichert wirken diese Traumata von der aufwendig illustrierenden wie seelisch tief gründenden Musik, die Weigle in dramatischem Fluss hält, den Schwarz-Weiß-Charakter durch Grauzonen mildernd. In diesem Kontext erscheinen die knappen, präzisen Festchöre eher gedämpft. Nicht zu vergessen die feinfühlig dem unterschwelligen Seelenclinch zusingenden und munter zuspielenden Christiane Karg, Nina Tarandek, Dietrich Volle, Julian Prégardien, Franz Mayer und Sungkon Kim.

Noch am 1., 4., 10., 18., 23. und 25. April zu sehen.

Als Daphne für den reinen, poesievollen Ton zuständig und mit den Holzbläser-Soli in Engführung, scheint diese Art von Rezitativ maßgeschneidert für Maria Bengtssons in allen Lagen expressive Stimme. Schließlich wird sie ihrem Alter ego begegnen und deren gebrechlichen Gang annehmen. Während die betagte Daphne nach tiefem, bei schier überirdischem Streicherflimmern unhörbarem Seufzer dem Ausgang zustrebt. Erleichterung allenthalben – die sich in dauerhaftem Beifall entlädt. Auch für Guth.

Quelle: op-online.de

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