Mit dem Rollstuhl in der Stadt unterwegs: Eva Rosenau und Hiltrud Jonas auf Testfahrt

Wie barrierefrei ist Dieburg?

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Während die große Rampe, die zum Rathaus führt, von den Rollstuhlfahrerinnen sehr gelobt wird, gibt es an dieser Mini-Rampe zum Marktplatz Probleme. Sie ist zu steil, meinen Eva Rosenau (vorne) und Hiltrud Jonas.

Dieburg -   Den ersten Fauxpas leistet sich der Autor selbst, als er sein Fahrrad vor die Glasfassade der Geschäftsstelle des Dieburger Anzeigers abstellt. „Wie soll ich denn da jetzt an die Scheibe kommen, wenn daneben auch noch Räder abgestellt sind?“, fragt Eva Rosenau. Von Jens Dörr

Die 52-Jährige, die seit 1976 an Multipler Sklerose leidet, macht so auf sich aufmerksam, wenn sie der Zeitung einen Besuch abstattet, etwa Tickets kaufen oder die neueste Ausgabe holen möchte. „Das mache ich auch so“,ergänzt Hiltrud Jonas. „Ich klopfe an die Scheibe, dann kommt die Mitarbeiterin raus und erfüllt mir meine Wünsche“, erklärt die 64-Jährige.

Gute Noten gibt es für die Drogerie Müller in der Zuckerstraße. Hier sind die Gänge breit genug für den Rollstuhl und die meisten Waren aus der Sitzposition heraus zu erreichen.

Warum die Dieburgerinnen nicht einfach reingehen? Sie sitzen im Rollstuhl, können nicht oder mit Krücken nur wenige Meter weit gehen. Schon ein paar Treppenstufen sind für sie kaum zu überwinden. Nachdem der DA-Mitarbeiter seinen Drahtesel umgeparkt hat, begrüßen Rosenau und Jonas auch Christiane Preiß. Sie arbeitet normalerweise im Dieburger Bauamt, ist im Rahmen des Stadtleitbildprozesses vor allem aber die städtische Ansprechpartnerin für Barrierefreiheit und Integration. Preiß ist gekommen, um in den folgenden Stunden Verbesserungsvorschläge von Rosenau und Jonas aufzunehmen, um sich die Hürden für körperlich behinderte Menschen speziell in der Innenstadt zeigen zu lassen.

„Barrierefreiheit“ ist das Stichwort und zugleich Gütesiegel, das sich Städte, Unternehmen und Einrichtungen aller Art nur allzu gerne auf die Fahne schreiben. Inwieweit die in Dieburg gewährleistet ist, wollen Rosenau und Jonas mit ihren Elektrofahrzeugen testen, besser: Sie wollen brenzlige Stellen aufzeigen, aber auch auf positive Beispiele aufmerksam machen. Denn testen müssen beide eigentlich nicht mehr, werden sie in ihrem Alltag doch ständig mit den Herausforderungen für Rollstuhlfahrern konfrontiert.

An den Geldautomaten kommt man nur mit einer gewissen akrobatischen Leistung heran.

Die erste Aufgabe lautet: Geld abheben bei Sparkasse und Volksbank am Marktplatz – schließlich soll in der Innenstadt später noch gemütlich Kaffee getrunken werden. Daraus wäre aber beinahe nichts geworden – bei der Sparkasse hat Eva Rosenau sichtlich Mühe, den Karteneinzug zu erreichen. An ein Abdecken der Geheimzahl ist auch nicht zu denken, da die ehrenamtliche Leiterin der Mediathek der Alfred-Delp-Schule kaum an die Tastatur kommt. Bei den Kontoauszugs-Druckern sieht es für Hiltrud Jonas, die früher als Kindergärtnerin arbeitete, bis eine inkomplette Querschnittslähmung dies unterband, unterdessen etwas besser aus.

Fakt ist: Das Auffüllen des eigenen Portemonnaies gestaltet sich für Rollstuhlfahrer als schwierig. „Da braucht man eigentlich Hilfe, aber wer lässt schon gerne jemanden beim Geldabheben zuschauen“, sagt Rosenau. Eine Lösung könnten unterfahrbare Geldautomaten sein, um besser an Tastatur, Einzugs-Schacht, Geldausgabe und Bildschirm zu gelangen.„Das habe ich in einer Sparkassen-Filiale in Heidelberg schon gesehen, das war vorbildlich“, berichtet Rosenau. Flächendeckend finde man das jedoch nicht.

Ein klein wenig besser sieht es einige Meter weiter bei der Volksbank aus, hier reichen Rosenaus Hände mit ein wenig Strecken an alle Tasten und Schlitze heran. Jonas gibt derweil zu bedenken, dass sich nicht jeder Rollstuhlfahrer nach Unfall oder angeborenem Leiden noch so bewegen könne wie Rosenau und sie selbst.

Wieder draußen aus den Banken wird es holprig für Rosenau, Jonas und ihre Elektromobile: Das Pflaster ist zum Fahren unangenehm, wie auch der DA-Mitarbeiter im Selbstversuch feststellen muss. Vor allem aber führe der unruhige Belag dazu, dass man einfach häufiger auf die Toilette müsse, sagen Rosenau und Jonas übereinstimmend.

Da hat Christiane Preiß einen Tipp: die behindertengerechte Toilette im Rathaus. Bevor die angefahren werden kann, loben die beiden körperlich eingeschränkten Frauen die Rampe, die zur Stadtverwaltung hinauf führt – eine vorbildliche Lösung nicht nur für Rollstühle. Auch für meist ältere Menschen, die auf Rollatoren angewiesen sind, bietet sich die Rampe anstatt der Treppe an.

Beim Vorführen der geräumigen Behinderten-Toilette, an der Rosenau und Jonas nur Details bemängeln, kommt es plötzlich zum Ausnahmezustand: Beim Test wurde der Notruf ausgelöst. Ein kleiner Schock, vor allem aber viel Gelächter ist das, was nach dem Verstummen der Sirene bei den drei Damen bleibt. Apropos Toiletten: Preiß betont, dass es seitens der Stadt die Auflage gebe, dass bei Festen in Dieburg der Veranstalter jeweils für ein Behinderten-WC zu sorgen habe. Nicht nur das spiegele auch in Rosenaus Augen wider, dass die Stadt ihren körperlich behinderten Bürgern immer stärker entgegenkomme: „In dieser Hinsicht finde ich auch den Stadtleitbildprozess so toll“, sagt Rosenau. Und speziell Bürgermeister Dr. Werner Thomas sei das Thema sehr wichtig, dort stoße man stets auf offene Ohren. Wermutstropfen: Ab Fastnacht habe Rosenau bei öffentlichen Festivitäten noch nie eine Behinderten-Toilette entdeckt.

Nachdem das Trio das Rathaus wieder verlassen hat, zeigen Rosenau und Jonas draußen ein Hindernis, das einem nicht gleich bewusst wird. Die Mini-Rampen auf den Marktplatz hinauf, die auch Radfahrern den hohen Bordstein überwinden lassen sollen. Die seien zu steil, moniert Jonas. Ganz flach sei es nur an den jeweiligen Enden des Marktplatzes, bei Möbel-Engelhard und bei „Il Centro“. Da müssen Rosenau und Jonas also Umwege mit ihren sechs Stundenkilometer schnellen Mobilen fahren, wenn sie nicht kräftig durchgeschüttelt werden wollen. Bei den Straßenbelägen, die das in Dieburgs Innenstadt ebenfalls zur Folge haben, hätte man doch in der Mitte einen glatten Streifen einbauen können, so Rosenaus Idee, die aber zu spät kommt.

Bevor der verdiente Cappuccino winkt, wartet noch eine letzte, scheinbar simple Aufgabe: ein Einkauf in Dieburgs Innenstadt. Die meisten Geschäfte seien sehr hilfsbereit, wissen die Rollstuhlfahrerinnen zu erzählen, manche hätten außen einen Aufkleber mit der Telefonnummer an der Scheibe. „Da kann man dann kurz anrufen und auf sich aufmerksam machen“,erläutert Rosenau. Denn die Eingangsbereiche seien bei den wenigstens so, dass man mit dem Elektromobil oder mit Krücken einfach hineinkomme. Als Positiv-Beispiel machen Rosenau und Jonas Ansprechpartnerin Preiß auf die Drogerie Müller in der Fußgängerzone aufmerksam. Dort seien die Mitarbeiter nicht nur besonders hilfsbereit und freundlich, die Gänge seien gegenüber manchem anderen Markt auch breit genug und die meisten Waren auch aus der Sitz-Position heraus zu erreichen.

Dann gibt’s endlich Kaffee – mit dem „Eiscafé Rialto“ wird ein Ort aufgesucht, an dem man mit dem Elektromobil problemlos einfahren kann. Das Wegrücken der Stühle ist dort ohnehin kein Problem. Etwas mehr Platz als die anderen Gäste brauchen Rosenau und Jonas natürlich. „Da sind alles Dinge, über die sich ein Nicht-Behinderter logischerweise erstmal keine Gedanken macht“, sagt Jonas. Beide würden daher versuchen, immer wieder dafür zu sensibilisieren.

Bei der Stadt sei das schon lange angekommen, sagt Preiß, die zugleich betont, beim Stadtleitbildprozess vor allem „als Mensch“ und nicht in Funktion der städtischen Bediensteten dabei zu sein. „Allerdings kann die Verwaltung nur kleine Dinge auf eigene Faust ändern, ansonsten müssen der Magistrat oder das Parlament hinzugezogen werden“,so Preiß.

Was Eva Rosenau zum Abschluss der Testfahrt nicht gelten lässt, ist das Kostenargument bei immer wieder verschobenen Maßnahmen zur Verbesserung der Barrierefreiheit: „Vieles kostet nichts oder nur wenig.“

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