Darmstädter Kontrollzentrum fiebert mit

Raumsonde angeschubst - Start des Ionenantriebs von BepiColombo

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Vor dem Start: Die Trägerrakete Ariane 5 brachte Ende Oktober BepiColombo vom Weltraumbahnhof Kourou aus ins All.

Darmstadt - Die Merkur-Mission BepiColombo der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) ist auf Kurs. Den Raumfahrt- Experten gelang jetzt der Start eines sogenannten Ionenantriebs, um mit dieser Hilfe die Sonde innerhalb einiger Jahre bis zum sonnennächsten Planeten zu steuern. Von Axel Wölk

„Wir brauchen den Ionenantrieb“, entfuhr es dem zuständigen ESA-Missionschef Paolo Ferri. Die befreiende Meldung kam am Montagmittag um Punkt 13 Uhr 54: Der Ionenantrieb läuft. Auf den Monitoren im Darmstädter Kontrollraum konnten die Techniker anhand von zahlreichen Kurven und Ziffern ablesen, dass vom Solargenerator Leistung genommen wurde und der Ionenantrieb dem Vehikel einen Schub gegeben haben musste. Um das aufregende Manöver beobachten zu können, ging es praktisch in den Maschinenraum des zur ESA gehörenden Europäischen Satellitenkontrollzentrums (ESOC). Im Interplanetaren Kontrollraum – dem Ort für den Normalbetrieb der Sonden – schauten dann gebannt Mitarbeiter und Journalisten auf die Bildschirme. Es sollten die Ionenantriebe Nummer eins und drei gezündet werden. Ohne Ionenantrieb wäre die Mission zum Scheitern verurteilt. An 22 sogenannten Bögen – mitten in der Umrundung etwa der Erde – benötigt BepiColombo den Schub durch den Ionenantrieb. Es ist nicht ausreichend Treibstoff an Bord, um diese Manöver mit dem normalen chemischen Antrieb zu fahren.

Beim Ionenantrieb wird Gas ionisiert, also praktisch Teilchen geladen. Das verleiht der Sonde mithilfe des Stroms aus den Solarpanelen den entscheidenden Schub. Bisher ist dieses Verfahren nur bei äußerst wenigen Missionen der US-Raumfahrtbehörde Nasa und der Esa zum Einsatz gekommen. Dafür allerdings hatte es auch vorher schon niemals einen Ausfall gegeben, sodass den Darmstädter Weltraumexperten durchaus nicht bange war, alles auf diese eine Karte gesetzt zu haben. Da in der Raumfahrt Redundanz das A und O ist, alles also mehrmals zur Absicherung vor Ausfall vorhanden zu sein hat, verfügt die Merkur-Sonde über vier Ionenantriebe, obwohl nur zwei dringend erforderlich sind.

Beim konventionellen chemischen Antrieb setzen die Darmstädter Hydrazin ein, eine äußerst aggressive chemische Verbindung aus Wasserstoff und Stickstoff. Diesen Antrieb nutzt die ESA eher für Feinsteuerungen, wenn die Sonde in kurzer Zeit neu ausgerichtet werden muss. Für die langen Bögen dagegen eignet sich der Ionenantrieb, besonders vor dem Hintergrund, dass er eine Menge Treibstoff spart.

Das Manöver zu Wochenauftakt war gerade auch deswegen so nervenaufreibend, da es vollautomatisch ablief. „Die Zündung ist programmiert“, wie Ferri klarstellte. Allerdings hatte sich die Esa einen günstigen Zeitpunkt ausgesucht, da die Sonde ungewöhnlich nah an der Erde vorbeiflog und so die Übertragungszeit der Befehle vom Kontrollzentrum aus mit einer Minute komfortabel gering ausfiel. Im Prinzip hätte der Schub somit auch sehr kurzfristig noch gestoppt werden können.

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Im ESA-Kontrollraum fiel dann auf, dass untypischerweise für diese Männerdomäne eine Reihe von Frauen – allen voran BepiColombo-Flugleiterin Elsa Montagnon – ganz weit vorn mitmischten. Das ist durchaus kein Zufall. Die Esa will mehr Frauen für die Raumfahrt begeistern. So werden von der deutschen Raumfahrtagentur DLR in einem Stipendiatenprogramm rund ein Drittel der begehrten Plätze mit jungen Frauen besetzt, auch gerade von der TU Darmstadt. Inzwischen würden die sonst eher von Männern beherrschten Posten etwa in der Flugdynamik oder als Systemingenieure von Frauen erobert, hat Olivia Drescher-Schwenzfeier von der DLR beobachtet. Überhaupt will die deutsche Raumfahrt künftig mehr Posten bei der Esa besetzen und sucht dafür aktiv an deutschen Universitäten nach Nachwuchs. Da könnte die Merkur-Mission der nachrückenden Generation echte Chancen bieten. Mit einer Ankunft der Sonde am Merkur wird erst in knapp sieben Jahren geplant.

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