Deutschlandpremiere von „Cuculand Souvenir“ in Darmstadt

Tanzfestival Rhein-Main: Gegen Schwerkraft angetanzt

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In Roberto Olivans „Cuculand Souvenir“ geht es um den Einfluss neuer Technik. J  Foto: Asier Goikoetxea/p

Darmstadt - Ein ziemlich knalliger Abend, mit viel Poesie aber auch. Eine Sorte Tanztheater, die auch ein popaffines Publikum begeistern kann. Von Stefan Michalzik

Die Nähe zur flotten Tanzshow allerdings meidet der katalanische Choreograf Roberto Olivan, der im Zuge des Tanzfestivals Rhein-Main im Darmstädter Staatstheater gastierte. Es war die Deutschlandpremiere seines Stücks „Cuculand Souvenir“.  Es gehe um den „Einfluss technischer Entwicklungen auf unseren Alltag“ und den „schmalen Grat zwischen Aneignung und Abhängigkeit“, erfährt man aus dem Programmblatt – in die Szenen kann man das eher hinein- als ohne dieses Wissen herauslesen.

Es gibt reichlich was fürs Auge. Tollkühne Sprünge und waghalsige Balanceakte, beispielsweise mit drei Holzbänken, in denen die Schwerkraft für einen Augenblick außer Kraft gesetzt zu sein scheint, bevor sie die Situation zum Umkippen bringt. Eine Stunde vor Beginn hatte sich einer der sieben Tänzerinnen und Tänzer verletzt, die Vorstellung stand infrage, doch er konnte ersetzt werden. Ob der Unfall bei einer Probe passiert ist? Das Risiko für die Tänzer ist offenbar. Es gibt eine Szene, in der die neonhellen Lichtgrafiken des französischen Bildkünstlers Romain Tardy an Decke und Rückwand allein tanzen, bei leerer Bühne.

Ziemlich klangmächtig ist die Musik des Brüsseler Elektronikproduzenten Laurent Delforge, sie bewegt sich zwischen elektronischem Minimalismus, Hip-Hop und Grime. Augenfällig ist im ersten Bild der eigentümliche Gegensatz zwischen einer altmodischen Straßenlaterne und einem ebensolchen Münzeinwurf, über den ein Tänzer die hochmoderne Technologie eines Videoprojektions-Triptychons auslöst. Nach anfänglichen Bildstörungen und wiederholten Versuchen spricht eine junge Frau mit unbewegtem Gesicht den Satz: „Can I bore you for a second?“ – Kann ich dich für eine Sekunde langweilen?“. In der folgenden Ensembleszene prallen mitunter Körper frontal aufeinander, dabei sind die Menschen offenkundig milde gestimmt.

Schwierigkeiten im gesellschaftlichen Miteinander scheint es in dieser Gruppe keine zu geben. Mitunter überschreitet Olivan die Grenze zur Zirkuskunst. Zum Ensemble gehört die Vertikalseilartistin Delia Ceruti – die mit einem poetischen Solo am Seil hervortritt. Szenenapplaus dafür. Gleich darauf warten zwei Tänzer mit viel Synchronizität und Bodennähe unter deutlicher Prägung durch den Breakdance auf.

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Viel artistisch virtuoser Furor schließlich spielt sich auf einer Metallwippe und um sie herum ab. Mit rasanten tollkühnem Schliddern bäuchlings unter der – für einen knappen Moment bloß! –hochgeschwungenen Seite der Wippe und überhaupt kreuz und quer drunter und drüber. Wiederum Szenenapplaus. Bilder wie jenes mit der Wippe, deren physikalischen Gesetzen sich der menschliche Körper unterwirft, während er zugleich damit spielt, lassen sich als Sinnbild für die Thematik lesen. Vor allem aber sieht man sich einnehmend gut unterhalten, auf bewegungssprachlich glänzendem Niveau.

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