Prozess um Betriebsunfall eröffnet

Im Betonmischer zu Tode gekommen

Vertagt wurde gestern vor dem Amtsgericht Darmstadt ein sehr ungewöhnlicher und ebenso trauriger Fall eines Betriebsunfalls, bei dem zwei Arbeiter starben und einer schwer verletzt wurde.

Darmstadt – Angeklagt ist der 59-jährige Anlagenführer eines Betonwerks an der Gräfenhäuser Straße in Darmstadt. Er muss sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten.

In dem Werk sollen am 8. August 2016 routinemäßige Wartungs- und Reparaturarbeiten in den Betonmischern durchgeführt werden. Mit dieser Arbeit hat der Betrieb einen Subunternehmer beauftragt, der schon einige Male im Auftrag des Unternehmens tätig war.

Die vier polnischen Mitarbeiter des Subunternehmers kennen sich mit der Aufgabenstellung aus. Sie wollen an diesem Morgen die als Innenverkleidung dienenden Fliesen im Mischerbehälter austauschen. Dazu müssen sie im Bauch des im Durchmesser rund vier Meter messenden Mischers arbeiten. Was den Chef B. der Subfirma an diesem Tag antreibt, sämtliche Sicherheitssysteme lahm zu legen, darüber kann nur spekuliert werden – vielleicht war es der ganz banale Zeitmangel.

Der Mischer ist in Segmente unterteilt. Um bei der Wartung von einem Segment zum Nächsten zu kommen, muss jedes Mal der Mischer verlassen und manuell eine Position weiter geschaltet werden. Diesen Vorgang will B. womöglich abkürzen, indem er lediglich den Schlüssel umdreht, die Rollenendsicherung der Abdeckung ausbaut und den Hauptschalter auf „ON“ belässt.

Dann betritt er mit zwei seiner drei Mitarbeitern den vermeintlich sicheren Raum. Kurz darauf setzt sich der Mischer jedoch in Gang, die Arbeiter schaffen nicht mehr, sich in Sicherheit zu bringen. Sie werden von den rotierenden Mischerarmen so schwer verletzt, dass der 62-Jährige und der 27-Jährige daran sterben. Der überlebende 19-Jährige ist seitdem zu 88 Prozent schwerbehindert und arbeitsunfähig.

Der Vorwurf an den Anlagenführer lautet nun, er habe vom Schaltraum aus zwar den Mischer nicht im Blick haben können, hätte jedoch eine graue Anzeigenleuchte beachten müssen, die anzeigt, dass der Mischer in Betrieb ist. Diese wäre bei Stillstand rot gewesen.

Die Verteidigung des Büttelborners schlägt eine Einstellung des Verfahrens vor, da die Hauptlast unbestritten beim getöteten Firmenchef liegt. Damit ist Staatsanwältin Susanne Deltau jedoch nicht einverstanden – auch im Hinblick auf die Angehörigen, die einen Nebenklagevertreter in den Prozess geschickt haben. Sie erhoffen eine Entschädigung von der Betriebshaftpflichtversicherung, die bei einer Einstellung wahrscheinlich entfallen würde. Deltau regt eine Geldstrafe zur Bewährung an. Das Gericht muss nun doch in eine umfangreiche Beweisaufnahme eintreten und vertagte sich zunächst.

Von Silke Gelhausen

Rubriklistenbild: © dpa

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