„Das kann jetzt laut werden“

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Immer ein tolles Schauspiel, wenn die Vorderladerkanonen in allen Größen geladen und dann gezündet werden. 

Klein-Umstadt - Ein ungewohnter Anblick bietet sich Spaziergängern und Radfahrer in Klein-Umstadt von Donnerstag bis Sonntag: Tipis sind vor der Silhouette der jüngst offiziell eingeweihten Windräder auf dem Binselberg zu sehen. Von Ulrike Bernauer

Und bei etlichen Gestalten, die auf der Wiese neben dem Vereinsheim des Schützenvereins Klein-Umstadt herumlaufen, fühlt man sich eher an den Wilden Westen als an das 21. Jahrhundert erinnert. Der Schützenverein Klein-Umstadt hat zum 13. Vorderladertreffen eingeladen.

„Ich bin 200 Jahre zu spät geboren“, bestätigt ein Tipi-Bewohner den visuellen Eindruck. In eine schon etwas speckige Lederhose ist Canoe Mike gekleidet, vor dem Bauch hängt ein lederner Fransenbeutel. Canoe Mike kommt genauso wie seine Tipi-Mitbewohner Old Sleepy und Old Wany aus Frankfurt, auf dem Schießstand tummeln sie sich allerdings im Schützenverein Dreieich. „Das ist ein toller Verein und der ist jetzt gerade 450 Jahre alt geworden“, erzählen die drei stolz.

Für ein paar Stunden Cowboyluft schnuppern

Sie kommen schon seit Jahren zum Vorderladertreffen nach Klein-Umstadt und gehören zu den Dauerbesuchern, die hier ihre Zelte aufschlagen. Zu den Lagerbewohnern kommen an jedem Tag noch zahlreiche Besucher, die mal nur für ein paar Stunden Cowboyluft schnuppern wollen. Sie gehen durchs Lager, halten ein Schwätzchen mit den Bewohnern oder stärken sich mit Steak, Würstchen und kühlen Getränken.

Freunde der Country-Musik kommen beim Vorderlader-Treffen in Klein-Umstadt auch auf ihre Kosten: Am Donnerstag und am Samstag spielt Old H.A.G. Für die Schützen unter den Besuchern besteht natürlich auch die Möglichkeit, die ruhige Hand beim Schuss auf die Schützen- oder Silhouettenscheiben zu erproben.

Man kann ihn richtig gut sehen, den kräftigen Funken, den Canoe Mike schlägt. Beim Vorderladertreffen in Klein-Umstadt leben die Dauerbesucher wie anno dazumal. Foto: bern

Das Schiessen steht für die drei Trapper aus Frankfurt gar nicht im Vordergrund, das Lagerleben ist mindestens genauso wichtig. „Ich bin eigentlich 200 Jahre zu spät geboren“, sagt Old Sleepy. Im Lager versuchen sie so zu leben, wie man das mutmaßlich vor 200 Jahren im Wilden Westen tat. Das Wasser holt Old Wany in einem Leinenbeutel, der kräftig eingefettet ist. „Das ist jetzt unser Kühlschrank, wenn das Wasser verdunstet, dann bildet sich Verdunstungskälte, Getränke, die in dem dichten Leinenbeutel gekühlt werden, bleiben schön erfrischend“, erklären die drei.

Auch das Feuer, über dem die Trapper aus Frankfurt ihr Essen garen, wird nicht mit Feuerzeug oder Streichholz angezündet. Canoe Mike demonstriert wie er mit einem Bogen und einer Klinge einen Funken schlägt. Den lässt er auf Watte, Birkenrinde oder Distelsamen fallen, die glimmen dann weiter. Mit dürren Ästen ist schnell ein Feuer entfacht. Weil es im Moment so trocken ist, wird das Feuer nur in speziellen Schalen gemacht und ein Behältnis mit Wasser steht immer daneben.

Mathilde Wenzel aus dem Spessart ist heute zu Besuch im Tipi der drei Frankfurter Trapper. „Ich habe früher auch oft an solchen Treffen teilgenommen“, erklärt die Schützin, „aber in diesem Jahr langt die Zeit nur für einen Besuch“. Auch im Winter hat Mathilde Wenzel schon an Treffen teilgenommen. „Ich halte mich immer an meinen Mann, der könnte auch in der Wildnis überleben“.

„Das ist mir zu gefährlich“

Die drei Trapper aus Frankfurt haben momentan noch gar keine Waffen dabei. „Das ist mir zu gefährlich“, sagt Old Sleepy. Die Waffen müssen diebstahlsicher aufbewahrt werden und das ist auf dem Gelände schwierig. Zum einen geht es darum, ein unbefugtes Hantieren mit den Vorderladern zu vermeiden, schließlich handelt es sich um Schusswaffen. Zum zweiten sind die historischen Waffen oder ihre Replikate einiges wert. Originalwaffen aus der Zeit um 1860 besitzen die drei Trapper, die billigste, eine Snyder, hat 350 Euro gekostet.

Von der Faszination der alten Waffen spricht auch Dietmar Hetze, Mitglied beim Schützenverein Klein-Umstadt. „Ich habe mal eine alte Waffe in die Hand bekommen, dann hat mich der Reiz mit so einer Waffe zu schießen, nie mehr los gelassen. Es ist einfach spannend, solch einen Vorderlader zu laden und überhaupt zu sehen, wie die Waffe funktioniert“. Hetze war und ist so fasziniert, dass er auch einige seiner Waffen selbst gebaut hat.

Kleine Kanonen mit großem Knall

Demselben Reiz sind auch andere Dauerbesucher des Treffens erlegen, die allerdings keine Gewehre zünden, sondern große und kleine Kanonen. Von der nur 30 Zentimeter hohen Miniaturkanone bis zum stattlichen Exemplar stehen die Museumsschießgeräte in einem abgesperrten Bereich aufgereiht. Spannend ist schon, zu erleben, wie die Kanonen geladen und vorbereitet werden. Bevor es dann zur Freude der zahlreichen Zuschauer los geht, gibt es noch eine Warnung, die ernstgenommen werden sollte: „Ohren zu halten, das kann laut werden“. Matthias Kleppinger vom Schützenverein Falkensee zündet die Lunte seiner Vorderladerkanone und tritt schnell zurück bevor es ordentlich knallt und raucht.

Die Besitzer der alten Waffen haben wohl fast am meisten Respekt vor ihren zum Teil selbst gebauten Schätzchen. Susanne Roll aus Heilbronn hat ihre Mini-Kanone nicht selbst gebaut, sondern gekauft. „Wenn man einmal infiziert ist, dann hilft nichts mehr“, lacht die Frau aus dem Schwäbischen.

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