Grabungsteam untersucht Ölschiefer in der Grube Messel

„Der Mund bleibt einem offen stehen“

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Die Forschungsstation hat mit der Arbeit begonnen: Fünf Monate lang werden die Grabungshelfer dem Messeler Ölschiefer seine Geheimnisse entlocken.

Darmstadt-Dieburg (ula) ‐ Unermessliche fossile Schätze schlummern im Ölschiefer der Grube Messel. Ein Grabungsteam des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg trägt am Rande des ehemaligen Maarvulkansees die einzelnen Schichten des Ölschiefers ab, um Fische, Pflanzen, erste Säuger und Reptilien des Eozäns aus den Schieferplatten zu lösen.

„Die Fossilien sind im Ölschiefer so gut erhalten, dass einem der Mund offen steht“, erklärt der verantwortliche Professor Dr. Stephan Schaal. „Senckenberg sowie das Hessische Landesmuseum Darmstadt erforschen seit 1975 die Grube Messel“, so der Professor weiter. Fünf mal vier Wochen wird jedes Jahr gegraben, die Saison wurde just eröffnet. Wöchentlich werden aus dem Ölschiefer fossile Schätze geborgen. Mal kleinere Pflanzenteile, Fische und Insekten, mal ganz spektakulär ein sechs Meter langes Krokodil. Der jüngste Fund, ein Rackenvogel, macht deutlich, warum die Fossilienstätte weltweit einzigartig ist. Nicht nur die Skelette von Amphibien, Vögeln, Reptilien und Säugern sind nach 47 Millionen Jahren vollständig erhalten, auch Federn, Haut, Haare, sogar Föten im Mutterleib sind noch vorhanden. Und erst ein Bruchteil des Geheimnisses aus dem ehemaligen Maarvulkansee wurde gelüftet. „Man könnte hier bis zu 60 Meter tief graben“, so Schaal, „vermutlich haben wir nicht einmal 50 Prozent der hier verborgenen Säuger entdeckt“ 400 Insektenarten wurden aus dem Ölschiefer geborgen, dies entspricht sogar nur 20 Prozent des vorhandenen Spektrum.

Die Grabungen erfordern jedoch landschaftliche Sanierungsarbeiten, denn die Grube „arbeitet“. Rund eine Million Euro wurden im vergangenen halben Jahr investiert, um die Hänge mit gigantischen Betonsäulen bis in 20 Meter Tiefe zu stabilisieren. 90 dieser Kolosse mit 1,5 Metern Durchmessern geben dem Hang halt. Um den Forschungsteams die Arbeit zu erleichtern sponserte Automobilhersteller Land Rover das Projekt. Ein Geländefahrzeug des Typs „Defender 110“ im Wert von 40 000 Euro wurde Senckenberg für die Arbeit vor Ort gestiftet.

Das Fahrzeug ist nicht nur ideal für das Gelände. Der Jeep ist ein Lastentier, mit einer Seilwinde, und durch einen speziellen Schnorchel auch im seichteren Teil des Sees idealer Transporteur des Schiefers. Bis zu 200 Kilo schwer sind die Ölschieferplatten mit ihrem kostbaren Inhalt. Von der Forschungsstation in Messel geht es zur Präparation nach Frankfurt. Die Funde für die Nachwelt zu erhalten ist eine Sissiphusarbeit. Mittels Stereomikroskop, Ultraschall und feinen Ölschiefernadeln werden die Fossilien aus dem Schiefer gelöst und mit flüssigem Kunstharz haltbar gemacht. Schon die Präparation eines Fisches erfordert eine ganze Arbeitswoche.

Mit der Erforschung der Grube Messel, die im Besitz des Landes Hessen ist und seit 1995 den Status UNESCO Weltkulturerbe hat, könnten noch ganze Generationen von Forschern beschäftigt sein. Die fossilen Ablagerungen über einen Zeitraum von über 800 000 Jahren reichen weit in die Tiefe. Der Grund: Vor 47 Millionen Jahren verursachte eine unterirdische Explosion ein 700 mal 1 000 Meter großes Loch. In diesem Maarvulkankrater sammelte sich Wasser – ein Maarsee entstand. Der 190 Meter tiefe Faulschlamm auf dem Grund des Sees wurde zu Ölschiefer – „und alles was über einen Zeitraum von 800 000 Jahren in den See fiel, wurde konserviert“, erläuterte Professor Schaal.

Das riesige Spektrum unterschiedlichsten Lebens im Eozän konnte so erhalten werden. „Wir haben hier sieben Fledermausarten nachgewiesen“, so Schaal, 700 Exemplare wurden gefunden. Zum Vergleich: Weltweit konnten nur etwa ein Dutzend dieser Tiere entdeckt werden. Zu Weltruhm ist das Messeler Urpferdchen gelangt, doch auch Ameisenbären, Tapire und sieben Primaten zählen zu den kostbaren Fundstücken aus der „Jugend des Säugetiere“. „Nach dem Aussterben der Dinosaurier explodierte die Säugetierentwicklung, vorher waren die Tiere nur mausgroß“, so der Fachmann.

Neben den Forschern arbeiten Bauteams emsig am Eingang der Grube. Dort entsteht das Informations- und Erlebniszentrum, das am Donnerstag, 26. August, eröffnet werden soll. Architektonisch wurde das imposante Betongebäude der Struktur eines Ölschieferblocks nachempfunden. „Der Ölschiefer ist ein Zeitarchiv“, sagte Dr. Marie-Luise Frey, Geschäftsführerin der verantwortlichen Welterbe Grube Messel gGmbH. Auf 870 Quadratmetern Fläche soll Besuchern ein interaktiver Einblick in die Forschungsthemen, Geologie und Bergbau (der seit 1884 bis heute betrieben wird) geboten werden. „Wir sind kein Museum“, stellte Marie-Luise Frey klar. Die dramaturgische Innenarchitektur spiegelt die Absicht, eine lebendige Erlebnis- und Begegnungsstätte zu schaffen. Die „Erlebniswelt“ Grube Messel wird auch im Außengelände mit Zeiten-, Themen- und Weltengarten fortgesetzt. Bereits 6,5 Millionen Euro investierte das Land in den Neubau, zwei weitere Millionen wurden für die Ausstattung mit Medientechnik und Mobiliar vorgesehen.

http://www.grube-messel.de

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