„Aus menschlicher Sicht verständlich“

Doppelte Morphindosis verabreicht: Prozess um Krankenpfleger in Groß-Umstadt

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Doppelte Morphindosis verabreicht: Prozess um Krankenpfleger in Groß-Umstadt

Vom versuchten Totschlag ist keine Rede mehr: Im Prozess um den Krankenpfleger des Groß-Umstädter Senio-Pflegeheims sind am Montag die Plädoyers gesprochen worden.

Darmstadt/Groß-Umstadt – Krankenpfleger Thomas L. aus Groß-Umstadt kann ein bisschen aufatmen. Zumindest der versuchte Totschlag und das drohende Berufsverbot sind vom Tisch. In ihrem Schlussvortrag vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt sprach die Staatsanwaltschaft am Montag nur noch von Körperverletzung, forderte zehn Monate Haft zur Bewährung. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch. L. hatte am 16. März 2018 einem Patienten im Groß-Umstädter Senio-Pflegeheim die doppelte Morphindosis verabreicht, als ärztlich verordnet war, um dem 63-Jährigen die starken Schmerzen zu lindern. Drei Stunden später war der Krebskranke tot.

Erschreckend identisch mit Prozess aus 2017

Der Fall ist erschreckend identisch mit einem Prozess, den die 11. Strafkammer 2017 verhandelte. Auch hier hatte eine Krankenpflegerin – in Beerfelden – einem krebskranken Patienten statt einer halben Ampulle Morphin eine Ganze mit zehn Milligramm verabreicht. Ebenfalls, um dem Schwerkranken die Schmerzen zu nehmen. Die Odenwälderin wurde wegen Körperverletzung verurteilt, die Verteidigung legte Revision ein. Seitdem liegt die Akte beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Wäre hier endlich eine Entscheidung gefallen, hätte es die Darmstädter Kammer im Fall Thomas L. leichter, ein Urteil zu fällen. Der Vorsitzende Richter Volker Wagner will die schwere Entscheidung des komplexen Falls „mutmaßlich“ am heutigen Mittwoch aussprechen.

„In objektiver Hinsicht ist der strafbare Sachverhalt bestätigt. Aus menschlicher Sicht ist das Verhalten des Angeklagten aber verständlich“, räumt Staatsanwältin Eva Wörner ein. Der 45-Jährige habe gewusst, dass sein Verhalten rechtswidrig war und dass zu den möglichen Nebenwirkungen des Morphins auch die tödliche Atemlähmung zähle. Ohne Anordnung des Mediziners hätte er das Mittel nicht eigenmächtig erhöhen dürfen – auch wenn der Hausarzt das auf Nachfrage L.s ohne Zögern getan hätte. „Allerdings war die Dosierung im therapeutischen Rahmen, was die behandelnden Ärzte hier bestätigt haben“, so die Anklägerin. Im Moment der Spritze habe L. nicht töten, sondern ausschließlich Schmerzen lindern wollen. Etwas anderes würde auch gar nicht ins Bild des als durchweg kompetent, hilfsbereit und einfühlsam beschriebenen Pflegers passen.

Nach dem Tod des Patienten flapsige Bemerkung gemacht

Doch auch der hat seine Schwachstellen, die Eva Wörner etwas befremden: L. hatte gegenüber seiner Kollegin nach dem Tod des Patienten eine flapsige Bemerkung gemacht, die diese als Tötungsaussage verstanden hatte. Mit einer Meldung an die Heimleitung, die den Fall ins Rollen brachte, ließ sie sich dann aber recht viel Zeit.

Verteidiger Andreas Sanders ist mit der Staatsanwaltschaft zum großen Teil einer Meinung – außer bei der Strafzumessung. Hier sei der Freispruch das einzig Angemessene: „Ich habe selten einen Mandanten vertreten, der so positiv beschrieben wurde. Nicht jedes regelwidrige Tun muss strafrechtlich verfolgt werden. Ich denke, dass L. trotz seiner Fehler hier zu Unrecht sitzt.“ Gegen den Tatbestand der Körperverletzung hat Sanders gleich mehrere Argumente: „Ein Spritzeneinstich ist grundsätzlich Körperverletzung. Den hätte er sowieso bekommen. L. wollte ihm ja keine Schmerzen zufügen, sondern diese vermindern!“ Nach der Spritze habe der Krebskranke eine Stunde ruhig geschlafen, sein Zustand habe sich also verbessert. Morphium entfaltet seine Wirkung schon nach 15 Minuten.

Sowohl Rechtsmedizinerin Sara Heinbuch als auch die Toxikologin Cora Wunder sehen auch deswegen keine Beweise dafür, dass die Dosis zum Tod führte. „Die Organbefunde hätten einen jederzeitigen Tod auch ohne Arzneimittel erklärt. Es gab keine spezifischen Symptome einer Intoxikation. Ein Versterben innerhalb weniger Tage war zu erwarten gewesen. Es spricht mehr dagegen als dafür, dass die Spritze todesursächlich war!“ so Heinbuch.

VON SILKE GELHAUSEN

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