Dramatik frei nachjustiert

Umjubelte Premiere von Verdis „Ein Maskenball“ am Staatstheater

+
Das Bühnenbild reduziert, die Schausielkunst und die Brisanz der Handlung hingegen präzise und reichlich: Verdis „„Un ballo in maschera“ am Staatstheater Darmstadt erntet am Wochenende viel Applaus.   

Darmstadt - Im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt hat Regisseur Valentin Schwarz die Dramatik der zentralen Dreiecksgeschichte in Giuseppe Verdis Oper „Ein Maskenball“ noch einmal frei nachjustiert. Von Jörg Sander

Die grunddüstere Ausstattung strahlt die Allgemeingültigkeit historischer Unbestimmtheit aus. Auf der Bühne zeichnet sich in losen Umrissen eine Kathedrale ab. Amelia, die Geliebte von König Gustav III. und Frau des ihm treuen Grafen Anckarström, bringt, anders als im Libretto von Antonio Somma vorgesehen, zwischenzeitlich sogar ein Kind von Gustav zur Welt.

Dieser reichlich gewagte Kniff der Regie trägt in der kräftig umjubelten Premiere von Verdis „Un ballo in maschera“ zwar dazu bei, die Spannungen zwischen den beteiligten Personen sichtlich zu schärfen; außerdem bietet sich Oscar, dem adoleszenten Diener des Königs, auch die reichlich genutzte Gelegenheit, sich an blutigem Leinen zu weiden.

Dennoch ist diese plakative Idee völlig überflüssig, weil die eigentliche Dramatik der Ereignisse aus der Vorlage wie auch der dichten Personenführung des jungen österreichischen Regisseurs ersichtlich wird. Denn viel Drastik ist vorhanden, zum Beispiel in der Szene mit der zum Tode verurteilten Wahrsagerin Ulrica, die Katrin Gerstenberger abgründig singt. Und erst recht, als Anckarström entdeckt, dass die verschleierte Frau, die er für seinen König loyal in die Stadt zurückführt, seine eigene Gattin ist.

In einer Rahmenhandlung verquicken Schwarz und sein Ausstatter Andrea Cozzi die Gegenwart und das Jahr 1792, in dem Gustav III. von Schweden tatsächlich einem Attentat zum Opfer fiel. Vor dem Opernvorspiel erklingen, als ein Grüppchen schwedischer Touristinnen eine museale Büste des Monarchen bestaunt, einige Takte aus einer Trauersinfonie, mit der Joseph Martin Kraus, Gustavs Hofkapellmeister, seinem Dienstherrn einst die letzte Ehre erwies.

Und der finale Maskenball mit seinem mörderischen Showdown spielt auf einer Freiluftparty mit Tanz, Bühnenmusik und planschenden Kindern. Auf diesem Mittsommerfest scheint es nicht aufzufallen, dass das Standbild des Monarchen zischend und wie von Geisterhand in den Bühnenhimmel verschwindet…

Kulturhauptstadt Matera in Italien bietet biblische Kulisse

Schon zuvor hat die Regie beherzt die Kirchenkulisse ins Hintere der Bühne verschoben, und zwar, als Anckarström entscheidet, sich den Verschwörern anzuschließen und den König zu ermorden. „Erì tu“, die dramatisch zentral platzierte und somit von Verdi besonders gewichtig ausgestaltete Arie, singt Sergio Vitale leicht baritonal forciert.

Dramatisch schärfend greift immer wieder das Staatsorchester Darmstadt unter seinem neuen Generalmusikdirektor Daniel Cohen ein, dem bei äußerster Präzision exzellent der Ausgleich zwischen sängerfreundlichem Stützen und starken Akzenten gelingt – auch mit den punktgenau von Sören Eckhoff einstudierten Opern- und Extrachören. Ein starkes Hausdebüt liefert die amerikanische Sopranistin Keri Alkema als stattliche Amelia; mit einem szenisch nicht weniger fesselnden Debüt integriert sich auch der italienische Tenor Leonardo Caimi in die Produktion.

Nächste Vorstellungen am 15., 26. und 29. Dezember sowie am 11. und 19. Januar.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare