Eingekauftes Stück, ärgerlicher Abend

„Dreigroschenoper“ am Staatstheater: Clownesker Klon

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Eine der wenigen poetischen Szenen: Martin Bruchmann als Mackie Messer und Louisa von Spies als Polly.

Darmstadt - Verfremdung in Brechts Sinn – oder albernes Musical? Der „Dreigroschenoper“ am Staatstheater Darmstadt in der Inszenierung von Philip Tiedemann fehlen Tiefgang, Originalität – und Redlichkeit. Von Stefan Michalzik

Schon das Warmspielen der Musiker ist Teil der Inszenierung. Mit ein paar Stockungen geht es hinein ins Stück – besonders heil scheint die Welt nicht zu sein. Zur Ouvertüre recken sich Hände aus einem Schlitz im Boden. Ein Schwarm zombiehafter Menschenwesen in hautfarbenen Hüllen schwingt sich auf die Bühne, kriecht kreatürlich zwischen betongrauen Riesenlettern mit dem Stücktitel umher und verkleidet sich mit Kostümen im Stil der Entstehungszeit der 1926 in Berlin uraufgeführten „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill, einem der größten Theatererfolge des 20. Jahrhunderts.

In Philip Tiedemanns Inszenierung am Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters trägt Mackie Messer (Martin Bruchmann) die Moritat erst rezitierend vor, dann wechselt er mehrfach zum Gesang. In einer Art, die sehr gekünstelt wirkt. Erste Auffälligkeit dieses Abends: Penetrant werden Dinge aus dem Text eins zu eins bebildert. Das versucht in einem fort krampfhaft lustig zu sein, tatsächlich komisch ist es nicht. Selten lacht das Publikum bei der besuchten zweiten Vorstellung.

Über einem Detail nach dem anderen steht immer wieder die Frage: Weshalb? Tiger Brown (Milan Uhrlau), oberster Polizeichef von London, tritt mit einem Cowboyhut auf. Weil sein Titel „Sheriff“ lautet? An den sprichwörtlichen Haaren herbeigezogen. Als Mackie dem grotesk gehorsam-zackigen Konstabler Smith (Matthias Znidared) ein Bestechungsgeld zahlen will, auf dass er ihn aus dem Gefängnis entkommen lassen möge, zückt er eine glitzernde Kreditkarte; Smith zieht daraufhin ein Lesegerät unter seinem Mantel hervor. Das ist nicht originell.

Das Ganze wirkt wie eine mediokre Musicalshow. Alles bloß altbackene Theater-Pappenheimer. Ohne Tiefe, von einzelnen Momenten abgesehen. Die Vorstellung, dass sich Tiedemann womöglich auf Brechts Theatertheorie vom Verfremdungseffekt berufen mag, macht das Ergebnis nicht besser.

Hinreißend sind einige musikalische Auftritte, besonders jene von Katharina Abt mit ihrer ausladenden Altstimme als launig-handfeste Miss Peachum im Pelzmantel und von Louisa Spieß als Polly. Und ja, da ist auch szenisch etwas Wunderbares geglückt. Für das Lied, in dem Polly ihre Eltern über die Verlobung mit dem Londoner Gangsterchef Macheath ins Bild setzt, wird der auf die Seite gekippte Buchstabe „C“ zur Schaukel. Im Überschwang des Liebesgefühls schwingt Polly nach beiden Enden des Buchstabens hin. Das ist berührende Poesie – herzlicher Szenenbeifall dafür.

Tanztheater in Darmstadt

Das musikalische Ensemble unter Leitung von Michael Nündel bringt den charakteristischen Jazzbandklang in recht ansehnlichen Zuschnitt rüber, markanter hat man das aber schon gehört. Eine Handvoll Lichtblicke am ärgerlichen, sich schleppenden Abend, dem es an einer grundlegenden inhaltlich-konzeptionellen Idee mangelt.

Im Übrigen handelt es sich, wie häufiger in den letzten Jahren am Darmstädter Theater, um einen Klon. Tiedemann hat – ein Hinweis darauf im Programmheft wäre redlich gewesen – das Stück schon 2011 in Chemnitz und 2013 am Schauspiel Leipzig inszeniert. Die Ausstattung von Norbert Bellen und die Grundgestalt der Inszenierung wurden übernommen, die Besetzung ist in Teilen hiesig, mit Gästen in zentralen Partien.

Vom Prinzip der originären Produktion an Ort und Stelle sollten Theater nur in Ausnahmefällen abweichen. Eingekaufte Erfolge – denn das ist Tiedemanns Arbeit an den vorhergehenden Stationen gewesen: Das Staatstheater als Abspielstätte nach Vorbild des normierten Lloyd-Webberismus? Das ist bedenklich.

„Die Dreigroschenoper“ wieder am 9., 15., 20., 28. und 29. Juni am Staatstheater Darmstadt.

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