Für echte Spürnasen zählt jedes Härchen

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Anerkennung für die besten Ermittler im Land: Landespolizeipräsident Norbert Nedela (rechts) und Vizepräsident Roland Desch (links) überreichen die Goldene Lupe an den südhessischen Polizeipräsidenten Gosbert Dölger.

Darmstadt ‐ Tatort – die Wohnung von Familie M.. Das Ehepaar wurde Opfer eines Einbruchs. Während die beiden unterwegs waren, haben sich Einbrecher vermutlich über ein offenes Fenster Zugang verschafft und konnten im Schutz der Dunkelheit auf Beutefang gehen. Von Dirk Beutel

Gerade jetzt zur Winterzeit, wenn die Tage kurz sind, verdoppelt sich die Zahl der Wohnungseinbrüche im Vergleich zu den Sommermonaten. Bei der Polizei vom Präsidium Südhessen beginnt sich nun eine ganze Maschinerie in Gang zu setzen. Nachdem die Kollegen von der Streife den Tatort abgeriegelt haben, treten als erste die Ermittler des Erkennungsdienstes auf den Plan, um die Wohnung nach Spuren zu durchsuchen. „Um wirklich effektiv arbeiten zu können, müssen sich die Kollegen vor Ort zunächst Gedanken über den Tathergang machen“, schildert Manfred Wohlfahrt, Leiter des Erkennungsdienstes Südhessen, die übliche Vorgehensweise.

Soll heißen: Wie kamen die Täter tatsächlich in die Wohnung? Durch ein Fenster, die Tür, vielleicht den Keller? Dabei zählt jeder noch so kleine Hinweis, der auf den oder die Täter Rückschlüsse geben könnte. Ein Haar, Baumwollfasern, Zigarettenkippen oder Fußspuren. Die gesamte Wohnung wird akribisch durchleuchtet und jeder noch so kleine Fund dokumentiert. Für eine erfolgreiche Identifizierung zählen besonders individuelle Spuren des Täters, wie etwa Finger- oder Schuhabdrücke und selbstverständlich DNA-Spuren. Die finden die Ermittler in jedem Fall, nämlich die der Familie M.: „Die Spuren der Geschädigten werden zum Vergleich mit weiteren Spuren verwendet und werden nicht in unserem System gespeichert“, erklärt Wohlfahrt.

Schnellere Identifizierung dank Digitalisierung

Durch das Automatisierte Fingerabdruck-Identifizierungs-System (AFIS) können die Ermittler Fingerabdrücke bei Männern innerhalb von sieben Minuten ihrem Besitzer zuordnen. Bei Frauen dauert die Identifizierung sogar nur drei Minuten, da es prozentual weitaus weniger weibliche Verbrecher gibt. Das AFIS hat bundesweit derzeit rund 230  000 Tatortspuren gespeichert, das Bundeskriminalamt weist sogar einen Datenbestand von über drei Millionen Fingerabdruckblättern auf.

Während früher die Ermittler mit Lupe und Zählnadel mühselig die Papillarleisten von Fingerabdrücken auf Merkmale untersuchten, hilft ihnen heute die moderne Technik enorm bei der schnellen Identifizierung. Vorbei die Zeiten, als man seine Finger auf ein Stempelkissen drücken musste. Mittels Live-Scan werden Finger- und Handabdrücke digital in das Erkennungsdienstliche System eingespeist. Am Tatort selbst arbeiten die Ermittler mit Ruß- oder Eisenoxidpulver, um Fingerabdrücke zu nehmen, sterile Wattestäbchen helfen beim Finden von DNA-Spuren an Tür- und Fensterklinken, am Telefon oder im Inneren von Handschuhen, die die Täter zurückgelassen haben.

Erfolgreiche Spurensicherung: Fingerabdrücke und eine gefundene Zigarettenkippe müssen dokumentiert werden.

Abreiben nennt das der Fachmann. Andreas Fritsch und Björn Rothmüller vom Darmstädter Erkennungsdienst nehmen den Fund genau unter die Lupe. Nachdem die Handschuhe aufgeschnitten wurden, sichern die Beamten das dort abgesonderte zellhaltige Material mittels Klebstoff und Folien. „Wenn wir damit fertig sind, gehen die Proben zur Gerichtsmedizin nach Frankfurt. Innerhalb der nächsten acht Wochen erhalten wir dann eine Datenanalyse mit acht Merkmalen, die dann zum Landeskriminalamt nach Wiesbaden zum Abgleich geschickt werden und hoffentlich zu einer positiven Identifizierung führen“, sagt Björn Rothmüller, der seit 2005 im Erkennungsdienst auf Spurensuche geht. 

Wesentlich länger dabei sind Franz Possmann und Jeanette Stork von der Daktyloskopie und haben ihre eigene Meinung zu DNA-Spuren: „Der Fingerabdruck bleibt das klassische Beweismittel. Die Ermittlung mithilfe von DNA-Spuren kommt jetzt erst langsam ins Rollen“, argumentiert Stork, die seit 1975 beim Erkennungsdienst arbeitet. Genetische Abdrücke seien wesentlich aufwendiger zu sichern und geben keine hundertprozentige Sicherheit. Erst in Verbindung mit daktyloskopischen Spuren sei eine eindeutige Identifizierung möglich.

Eineiige Zwillinge besitzen beispielsweise die gleiche DNA und sind somit nicht zu unterscheiden. Wirbelmuster, Schleifen oder sonstige spezielle Merkmale eines Fingerabdrucks ergeben hingegen eine klare individuelle Identifizierung. Dennoch – jede Spur zählt. Bernd Ding beschäftigt sich derweil mit möglichen Schweißabsonderungen, Speichel und Sperma am Tatort. Für das menschliche Auge oftmals nicht zu erkennen, bedient sich der Ermittler einer speziellen Stablampe und einer Farbfilterbrille, um den Tatort zu durchleuchten. „Unsere Abteilung behandelt jeden Fall, vom Einbruch bis zum Mord, mit größter Anstrengung. Wir sehen unsere Arbeit als sportliche Herausforderung, umso erfreulicher ist es, wenn man mit guten Aufklärungsergebnissen eine oder mehrere Taten aufdecken kann“, sagt Manfred Wohlfahrt.

Südhessische Spurensicherer verteidigen Goldene Lupe

Und die Beamten vom Polizeipräsidium Südhessen sind landesweit die besten ihrer Zunft. Zum zweiten Mal hintereinander wurde der Erkennungsdienst der Reviere Darmstadt, Heppenheim, Groß-Gerau und Erbach mit der Goldenen Lupe geehrt. „Die professionelle Spurensuche ist Voraussetzung für den forensischen Erfolg. In Anerkennung der besonderen Leistungen auf dem Gebiet der erkennungsdienstlichen Arbeiten erhält das Präsidium Südhessen den unter den Kollegen sehr begehrten Wanderpokal“, sagte Landespolizeipräsident Norbert Nedela bei der Übergabe.

Die Goldene Lupe ist Teil einer vom Hessischen Landeskriminalamt initiierten Qualitätsoffensive, mit dem Ziel, die Qualität daktyloskopischer Spurensuche und deren Sicherung zu intensivieren. Zudem habe das Land rund 24 Millionen Euro in neue Technik, kompetentes Personal und in den Neubau der Kriminalwissenschaftlichen Untersuchungsstelle in Wiesbaden investiert. Eine Finanzierung, die sich bezahlt mache: Zwischen 2004 und 2008 sanken die Kriminalitätszahlen um zwölf Prozent, die Aufklärungsquote sei in der derselben Zeit von 52,5 auf 57,1 Prozent gestiegen. Damit liege Hessen bundesweit an der Spitze, so Nedela. Inzwischen hat sich in einem anderen Fall eine neue Spur ergeben. Die weggefeilte Seriennummer eines geklauten Navigationsgerätes konnte nach viertägiger Behandlung mit einer speziellen Chemikalie ermittelt werden. „Ganze 15 Sekunden war die Zahl sichtbar. Eine tolle Belohnung für die Beharrlichkeit der Kollegen“, freut sich Manfred Wohlfahrt über eine erneut erfolgreiche Spurensicherung.

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