Fehlen knapp 1000 Wohnungen?

Darmstadt-Dieburg (st) - Im Landkreis werden die Wohnungen knapp. Bereits in fünf Jahren werden nach der Prognose des Pestel-Instituts mehr als 960 Mietwohnungen fehlen. Die Kreisverwaltung beurteilt die Zahlen zurückhaltend.

„Wenn der Wohnungsbau im Landkreis nicht deutlich zulegt, klafft eine enorme Lücke. Dann werden bezahlbare Wohnungen zur Mangelware“, sagt Matthias Günther. Der Leiter des Pestel-Instituts, eines Dienstleisters für Kommunen, Unternehmen und Verbände aus Hannover, sieht beim Mietwohnungsbau im Landkreis Darmstadt-Dieburg einen „enormen Bedarf“.

In den letzten Jahren sei eine Menge versäumt worden. Vor allem der Mietwohnungsbau ging generell zurück. Schuld daran waren schlechte Rahmenbedingungen. Es war einfach zu unattraktiv, Mietwohnungen zu bauen“, sagt Günther. So habe es im Landkreis im vergangenen Jahrzehnt einen nur geringen Neubau von Wohnungen gegeben: Gemessen am gesamten Wohnungsbestand waren dies lediglich 0,68 Prozent pro Jahr.

„Neubau-Defizit“

Das Institut sprach von einem „Neubau-Defizit“ und warnte gleichzeitig vor einer „Überalterung der Bausubstanz“. Rund 46 Prozent der Wohnungen im Landkreis stammten aus der Zeit vor 1970 – viele davon aus den Nachkriegsjahren. „Ein Großteil dieser Wohnungen ist weit von dem entfernt, was heute Standard ist: beim Energieverbrauch, bei der altersgerechten, barrierearmen Ausstattung und beim Grundriss“, so Günther.

Um gutes und bezahlbares Wohnen zu sichern, müsse der Wohnungsneubau deutlich attraktiver gemacht werden. Hier komme es darauf an, die richtigen Anreize zu setzen. „Was wir an neuen Mietwohnungen brauchen, ist mit der derzeitigen staatlichen Wohnungsbauförderung nicht hinzubekommen“, sagt der Studienleiter.

Effektiv sei insbesondere eine steuerliche Erleichterung für den Mietwohnungsbau. So hält der Wissenschaftler die Erhöhung des jährlichen Abschreibungssatzes von derzeit zwei auf vier Prozent für besonders wirkungsvoll. „Das macht deshalb Sinn, weil bei einem Neubau viele Teile eine Lebensdauer von nicht mal 25 Jahren haben, wie etwa Heizkessel, Wärme- und Wasserpumpen. Deshalb brauchen Bauherren eine höhere Abschreibung“, so Günther. Darüber hinaus spricht er sich für den Neubau von Sozialwohnungen aus: „Sonst wird das Wohnen für immer mehr Menschen unbezahlbar – insbesondere für Rentner, Familien und Beschäftigte mit geringem Einkommen.“

Bund habe sich aus der Verantwortung zurückgezogen

Einen Teil der Knappheit im Kreis hat die Bundespolitik mit verschuldet. Davon jedenfalls sind führende Verbände der Bau- und Immobilien-Branche überzeugt, die die Studie in Auftrag gegeben haben. Der Bund habe sich schrittweise aus der Verantwortung für die Wohnungsbauförderung zurückgezogen. Mieterbund, IG Bau, Baustoffhersteller und -handel haben deshalb die heimischen Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen angeschrieben und aufgefordert, Konsequenzen aus den Studien-Ergebnissen zu ziehen.

„Beim Landkreis Darmstadt-Dieburg gibt es keine eigene Erhebung und Prognose zum Mietwohnungsbau“, wie Pressesprecher Frank Horneff auf Anfrage unserer Zeitung sagte. „Wir beobachten demographisch den Trend, dass vor allem die Stadt Darmstadt derzeit Zuzug und Geburtenüberhang zu verzeichnen hat. Für den Kreis können wir darauf verweisen, dass etwa in Ober-Ramstadt auf dem großräumigen Miag-Gelände sowie in Griesheim in Neubaugebieten umfangreiche Wohnbebauung vorgesehen ist, die in der Pestel-Untersuchung offensichtlich nicht berücksichtigt ist.“ Überhaupt betrachte der Kreis die Zahlen eher zurückhaltend. In der Vergangenheit habe es schon die ein oder andere Differenz gegeben, etwa bei der Pestel-Erhebung zu Schulabgängern.

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