Mit 15 kam er als Flüchtling, heute ist er Zahnarzt

Im Landkreis Darmstadt-Dieburg leben 30 000 Menschen mit ausländischem Pass, zählt man diejenigen dazu, die eingebürgert sind oder eine Familie mit Wurzeln in anderen Ländern haben, blicken noch erheblich mehr Bewohner des Landkreises auf eine Zuwanderungsgeschichte zurück. Wahrgenommen werden Menschen mit Migrationshintergrund oft dann, wenn es Probleme gibt. Dass zahlreiche Menschen, deren Herkunftsland nicht Deutschland ist, eine Erfolgsgeschichte geschrieben haben, von der selbst mancher Deutscher nur träumen kann, geht dabei allzu oft unter. Sandra Hartmann, Mitarbeiterin im Integrationsbüro des Landkreises Darmstadt-Dieburg, hat Menschen gesucht, die sich im Landkreis integriert fühlen und Karriere gemacht haben. Was ihnen dazu verholfen hat, in Deutschland daheim und beruflich erfolgreich zu sein, wollte sie wissen und hat zahlreiche, sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Nachzulesen sind die Erlebnisse und Geschichten von acht Männern auch im Internet unter www.ladadi.de. Wie zum Beispiel die Geschichte von Zahnarzt Hamid Reza Shirazi.

Darmstadt-Dieburg‐ Hamid Reza Shirazi hat eine Zahnarztpraxis in Seeheim-Jugenheim. Er lebt mit Frau und Tochter in Weiterstadt. Als er 1986 nach Deutschland kam, war er fünfzehn Jahre alt und sprach kein Wort deutsch. Er kam allein als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Im Iran war damals Krieg. In Darmstadt warteten zwei Onkel auf ihn, bei denen er die ersten Monate wohnen konnte. Als sein jüngerer Bruder nachkam, führten sie ihren eigenen Haushalt. Mit Putzen, Zeitungen austragen und anderen gering bezahlten Jobs hielten die Jungs sich über Wasser.

Bildung ist in der Familie Shirazi ein wichtiges Gut. sein Vater hat Abitur und handelt mit Metall, seine Mutter ist Lehrerin. Im Iran besuchte der vorzeitig eingeschulte Hamid Shirazi die Schule bis zur neunten Klasse. In Darmstadt ging er drei Monate lang in die Sprachschule, um deutsch zu lernen, anschließend stieg er an der Eleonorenschule in die neunte Klasse ein. „Ich war anfangs der erste Ausländer, der auf dem Schulhof rumlief“, beschreibt Shirazi die Situation. Als er Abitur machte, waren sie zu viert. „Es gehört viel Mut dazu, nicht gleich nach jeder Enttäuschung wegzurennen. Das mache ich nicht“, sagt Shirazi und beschreibt sich selbst als ehrgeizig und ausgestattet mit einem Kämpfernaturell. Im Chemieleistungskurs und anderen naturwissenschaftlichen Fächern war er besser als manch anderer Schüler. 13 oder 14 Punkte waren sein Standard bei schriftlichen Arbeiten, auf dem Zeugnis blieben dann neun oder zehn Punkte, wegen der mündlichen Beteiligung. Er traute seinen deutschen Sprachkenntnissen noch nicht. Aus Enttäuschung über die schlechte Bewertung sprach er mit dem Vertrauenslehrer, was aber nichts half.

Eigentlich wollte Hamid Shirazi Medizin studieren, fiel aber durch den Test. Auf den Studienplatz für Zahnmedizin musste er vier Semester warten. Als Verkäufer in Kaufhäusern verdiente er das Geld, um sein späteres Studium zu finanzieren. Wenn er heute noch einmal die Wahl hätte, würde er etwas anderes studieren. „Das Leben als Zahnarzt wird einem durch die Gesundheitsreform schwer gemacht und die Patienten sind nicht bereit, selbst für bestimmte Leistungen zu zahlen“, fasst Shirazi seinen Unmut zusammen.

Seine Frau ist Polin, sie haben sich im Urlaub kennen und lieben gelernt, seinetwegen kam sie nach Deutschland und lernte deutsch. Sie kann sich nicht gut auf dieses neue Land einlassen, kommt mit der Kultur und Mentalität schlecht klar. Hamid Shirazi sagt: „Die deutsche Mentalität ist etwas kälter, nicht so warmherzig, das ist normal. Aber das kann man auch nicht verlangen, die Menschen sind so. Wir sind hierher gekommen, also müssen wir uns anpassen. So seh ich das.“ Er hätte nie gedacht, dass er nach seinem Studium in Deutschland bleiben würde, heute genießt er die Freiheiten, die er hat. Wenn seine Frau es jedoch hier nicht mehr aushalten würde, könnte er sich vorstellen, mit seiner Familie in ein anderes Land zu gehen.

„In mir leben zwei Kulturen“, sagt er, „die persische ist drin, aber die deutsche Kultur ist auch da. Ein Deutscher wird mich nie hundertprozentig akzeptieren können und ein Perser wird mich nie als richtigen Perser sehen.“ „Mischkulturell“ nennt er sich und findet das nicht ganz einfach. „Letztlich fühle ich mich eher wie deutsch“, so Hamid Schirazi. Mit seiner sechsjährigen Tochter spricht er deutsch und polnisch, persisch kommt nur noch vor, wenn er sich mit seinem Bruder trifft, aber auch mit ihm spricht er eigentlich häufiger deutsch. Hamid Shirazi fühlt sich in Deutschland gut integriert und sagt: „Ich bin in Deutschland zu Hause“, auch wenn er schon manchmal die Erfahrung gemacht hat, dass er nicht erwünscht ist. Leichter wäre manches seiner Ansicht nach, wenn man nicht nach Hautfarbe bewertet würde. Seit 2000 besitzt Shirazi die deutsche Staatsbürgerschaft und geht, seit er dazu berechtigt ist, auch regelmäßig wählen. Früher war er auch in einem Verein aktiv, heute lässt die Arbeit in seiner Zahnarztpraxis dafür keine Zeit mehr.

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