Hornmilbenart wehrt sich mit Blausäure gegen Feinde

Wissenschaftler erforschen tierische Giftmischer

Kopf und die Vorderbeine einer Hornmilbe im Elektronenmikroskop. - Foto: dpa/Michael Heethoff
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Kopf und die Vorderbeine einer Hornmilbe im Elektronenmikroskop.

Darmstadt - Die heimische Hornmilbe ist eine äußerst geschickte Giftmischerin, wie ein interdisziplinäres Forschungsteam unter Federführung der TU Darmstadt zeigte: Oribatula tibialis wehrt sich mit Blausäure gegen Fressfeinde, teilt die TU Darmstadt mit.

Dies sei eine kleine Sensation, denn das Gift gehöre sonst nicht zum Arsenal der 80. 000 bekannten Arten von Spinnentieren. Blausäure – chemische Summenformel HCN – gehört zu den stärksten bekannten Giften. Die nahezu farblose Flüssigkeit wird bereits bei etwa 25 Grad Celsius gasförmig, blockiert effizient die Atmungskette und führt so schon in kleinen Mengen in kürzester Zeit zum Erstickungstod. Mit Blausäure unter dem Namen „Zyklon B“ ermordeten die Nazis in Konzentrationslagern wie Auschwitz während des Holocausts Millionen Menschen in Gaskammern.

In der Natur wird das Gift von zahlreichen Pflanzen als Abwehrstoff produziert. Bekannt ist zum Beispiel die Bittermandel: Sie enthält Amygdalin, das wiederum beim Verzehr unbehandelter Mandeln die giftige Blausäure freisetzt. Im Tierreich ist Blausäure eine äußerste Seltenheit, braucht es doch eine stabile und sichere Speicherform, um die versehentliche Selbstvergiftung zu vermeiden. Dieses Problem wurde, so dachte man bislang, ausschließlich von einigen Insekten und Tausendfüßern erfolgreich gelöst.

Zwar können die über 80.000 beschriebenen Arten der Spinnentiere eine beeindruckend breite chemische Palette von Gift- und Abwehrstoffen synthetisieren, doch bisher war keine zur Herstellung und Speicherung von Blausäure fähige Art bekannt. Nun aber hat ein interdisziplinäres Team aus Ökologen und Chemikern der TU Darmstadt, der Universität Graz und der State University of New York bei einer Hornmilbe einen neuen Naturstoff entdeckt, bei welchem Blausäure in Form eines Esters synthetisiert und stabil gespeichert werden kann.

Achtbeinige Mitbewohner: Spinnen fühlen sich bei uns wohl

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Die nur knapp einen halben Millimeter große Oribatula tibialis lebt in Moospolstern, Totholz und der Laubstreu heimischer Wälder. Wird sie von einem Räuber wie einer Raubmilbe oder einem Hundertfüßer attackiert, so gibt sie Mandelonitrilhexansäureester (MNH) über ihre Wehrdrüsen ab. Sobald MNH mit dem Speichel des Angreifers in Kontakt kommt, beginnt eine Hydrolyse, die zur raschen Freisetzung der Blausäure führt – und so die Lust auf die vermeintlich schmackhafte Mahlzeit umgehend beendet. So kann sich die winzige Milbe effizient wehren, ohne sich selbst zu gefährden. Diese Verteidigungsstrategie entdeckten die Wissenschaftler im Rahmen von Untersuchungen der Wehrsekrete von Spinnentieren. Die Ergebnisse haben sie jetzt mit Dr. Michael Heethoff, Fachbereich Biologie der TU Darmstadt als Korrespondenzautor, veröffentlicht. (al)

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