Ein ganz persönlicher Mauer-Fall

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Landkreismitarbeiterin Felicia Turek hat die Wende hautnah erlebt.

Darmstadt-Dieburg - Felicia Turek ist Referentin im Büro des Ersten Kreisbeigeordneten Klaus Peter Schellhaas und hat in diesem Jahr eine Veranstaltungsreihe aus Anlass der friedlichen Revolution und des Mauerfalls organisiert, der sich in diesem Jahr zum 20. Mal jährt.

Sie ist in Leipzig aufgewachsen, hat die Fachhochschule für Verwaltung besucht und arbeitet seit 1997 beim Landkreis. Wie hat sie die Zeit in der DDR und den Mauerfall erlebt? Hier ihr Bericht:

Was aus mir geworden wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre, ist schwierig zu sagen. Wahrscheinlich hätte ich früh geheiratet und hätte Kinder – schon allein, um an eine eigene Wohnung heran zu kommen. Mein langjähriger Berufswunsch war Lehrerin, aber als Pfarrerstochter war das nahezu unmöglich. Das Interesse an Verwaltung bekam ich irgendwie auch in die Wiege gelegt. Ab meinem fünften Lebensjahr saß ich regelmäßig im Pfarrbüro und half der Pfarrsekretärin.

20 Jahre Mauerfall

Die nächsten Veranstaltungen der Reihe im Landratsamt:  Noch bis 4. Oktober Ausstellung im Foyer, Kreishaus Darmstadt-Kranichstein, Jägertorstraße 207: 20 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit. Am 5. September um 19.30 Uhr, Podiumsdiskussion im Kreistagssitzungssaal: Die Journalisten Roland Jahn und Peter Pragal berichten, wie sie aus ihrer jeweiligen Ost- und West-Perspektive die Friedliche Revolution und den Mauerfall erlebt haben.

Meine Kindheit war sehr behütet, weil meine Eltern mich von vielem abgeschirmt haben. Erst viel später hat meine Mutter mir erzählt, welche Ängste sie durchlebt hat, wenn wieder ein Mitarbeiter der Staatssicherheit vor der Tür stand. Mein Vater besaß eine Druckmatrize, mit der er für den Gottesdienst Liedblätter vervielfältigte. Damit hat er auch Flugblätter für die Bürgerrechtsbewegung kopiert, das war gefährlich. Er hatte eine nicht unwesentliche Rolle in der Friedlichen Revolution, auch wenn er das immer bescheiden abtut. Mitglied bei den Pionieren war ich trotz meines christlichen Hintergrunds. Da hatte sich meine Mutter durchgesetzt, um zu vermeiden, dass ich Nachteile in der Schule habe. Benachteiligung habe ich verspürt, als es um einen Schüleraustausch mit der damaligen Sowjetunion ging. Von der Schulleitung wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht teilnehmen darf, weil man russischen Kindern nicht zumuten konnte, in einem Pfarrhaus zu Gast zu sein. Man hatte Angst, die russischen Kinder könnten missioniert werden. Das hat mich sehr verletzt. Bei dem Ausspruch „Wir sind das Volk“ sehe ich meine Eltern und die vielen Menschen vor mir, die auf dem Augustusplatz in Leipzig demonstriert haben, der damals Karl-Marx-Platz hieß. Ich selbst habe die Abende am Telefon verbracht und Anfragen von Journalisten beantwortet, die informiert werden wollten. Das war eine ergreifende Zeit und ist mir wie ins Gedächtnis gebrannt, da kommt Gänsehaut von allein. Als die Mauer fiel, war ich 14. Ich kam von Freunden nach Hause. Mein Vater saß vor dem Fernseher und rief: Die Mauer ist gefallen! Ich antwortete: Aha, okay, und was heißt das jetzt? Ich stellte mir erst mal Verwandtschaftsbesuche in Westdeutschland vor. Aber die Dimension dieser Aussage konnte ich zunächst gar nicht erfassen. Wenige Tage später fuhren wir nach Westberlin.

Als wir die Grenze überschritten, hat meine Mutter einen Freudenschrei ausgestoßen und fing an zu tanzen. Für sie war es eine Befreiung. Von dem Begrüßungsgeld haben wir ganz klischeehaft als erstes ein Kilo Bananen gekauft, die ich noch heute genau vor mir sehe. Dabei ging es nicht so sehr um die Bananen. Vielmehr standen sie für das Ende von Schlangestehen und Mangelwirtschaft. Inzwischen bin ich länger Bundesbürgerin als ich DDR-Bürgerin war, aber meine „ostzonale“ Verbundenheit ist geblieben. Regelmäßig fahre ich in die Heimat. Rotkäppchensekt und Imnu, den ostdeutschen Caro-Kaffee, habe ich immer da.

Die Veranstaltungsreihe zum Mauerfall habe ich organisiert, um daran zu erinnern, was die DDR war und wie die Friedliche Revolution verlaufen ist, die zum Mauerfall führte. Die Veranstaltungen wurden zum Teil gut besucht, teils hatte ich auf mehr Resonanz gehofft. Für viele, die im Westen aufgewachsen sind, ist das, was sich hinter der Mauer abspielte, vielleicht zu weit weg. Von Ostlern und Westlern wünsche ich mir mehr Interesse aneinander. Mein persönlicher Mauer-Fall wird mich mein Leben lang begleiten.

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