Gedanke nimmt Form an

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Der Dieburger Bildhauer Martin Konietschke schafft den „Gedankenstein“ - hier zeigt er das Gipsmodell.

Dieburg ‐ Eine Familie geht fort. Alle sind solide gekleidet, der Vater trägt Koffer und Regenmantel, die Mutter feste Schuhe und einen Rucksack. Aber wohin geht die Reise der vier Personen, von denen nur das kleine Kind auf dem Arm der Frau zurückblickt - dem Betrachter ins Gesicht? Von Lisa Hager

Es könnte etwas ganz Alltägliches sein, was die Tafel zeigt, einen Ausflug, einen Aufbruch in die Ferien. Tatsächlich aber ist es ein Abschied für immer: Die jüdische Familie geht ihrem Untergang entgegen.

Damit man die Tatsache nicht ignorieren kann, hält das Kleinkind Blickkontakt zum Betrachter. „Zur Reliefmitte scheinen sich die Figuren fast aufzulösen“, erklärt der Bildhauer Martin Konietschke, der mit dem Werk beauftragt ist. Eine Andeutung dessen, was mit den Menschen geschehen wird.

Erinnerung an vertriebene jüdische Familien

Dieses Relief soll später einmal - soweit die Planung - als „Gedankenstein“ aus Bronze im Fechenbachpark als Erinnerung an die vertriebenen jüdischen Familien Dieburgs errichtet werden. Der Magistrat hat die Aufstellung genehmigt, die Stadt beteiligt sich, in dem sie den Bau des Fundaments übernimmt.

Über den genauen Standort soll erst entschieden werden, wenn das Sichtmodell in Originalgröße - die Vorlage für den späteren Bronzeguss - demnächst fertig ist. Die Rückseite will Konietschke mit zentralen Strophen der „Todesfuge“ von Paul Celan gestalten. Um den Sockel läuft ein Fries mit den Namen, Geburts- und Sterbedaten der aus Dieburg deportierten Juden.

Weitere Informationen gibt es im Internet oder bei Michael Maschek 06071/81831, Mobil: 01794781279, E-Mail: m_maschek@hotmail.com, Ulrich Schanze 06071/823270, E-Mail: schanze_hu@t-online.de, oder Carola Dröse, 06151/971695, E-Mail: caroladroese@web.de.

„Die ermordeten jüdischen Mitbürger sollen symbolisch wieder in unserer Mitte sein“, sagt Michael Maschek, der das Privatprojekt mit Ulrich Schanze initiiert hat. Die Beiden hatten zuerst die in anderen Städten realisierten „Stolpersteine“ nach Dieburg holen wollen. Da die Steine aber auch innerhalb der jüdischen Gemeinde Deutschlands umstritten seien, habe man den Plan schließlich aufgegeben. „Und da kam uns die Idee mit dem Gedankenstein“, sagt Maschek. Die Initiatoren - sie haben im Freundeskreis weitere Mitstreiter, beispielsweise Carola Dröse - sind schon ein gutes Stück vorangekommen. Inzwischen hat Konietschke mit der Realisierung begonnen. Er ist derzeit dabei, das Relief in Ton zu formen, als Modell für den späteren Bronzeguss.

Die Gedankenstein-Projektgruppe ist aktuell dabei, weitere Namenspaten zu suchen, um die Gesamtkosten von 35 000 Euro mitzufinanzieren. „Wir haben trotz eingegangener Spenden und unserer Eigenbeteiligung immer noch eine Deckungslücke von 30 Prozent“, sagt Maschek. Eine Patenschaft für einen der rund 50 umfassenden Namen auf der Liste kostet 65 Euro. Jeder Pate erhält für seine Spende eine persönliche Urkunde mit dem Namen und - soweit möglich - Informationen über das Schicksal des Menschen, dem die Plakette gewidmet ist. Wer Interesse hat, kann sich eine Namensliste zuschicken lassen.

Ein Spendenkonto ist bei der Sparkasse Dieburg, Stichwort „Gedankenstein - jüdisches Leben in Dieburg“, eingerichtet: BLZ 508 526 51, Kt.-Nr. 320 957 39.

Aber nicht nur über die Patenschaften soll das Projekt weiterfinanziert werden. Geplant sind auch Benefizveranstaltungen. Fest steht schon der Termin für ein Begegnungskonzert mit Grigory Gruzman am 16. Juli um 20 Uhr im Schloss Fechenbach. Zudem begleitet der Dieburger Filmclub die Entstehung des Projekts, dazu sind auch Veranstaltungen geplant.

Die Initiatoren versuchen auch mit Informations-Flyern und vielen persönlichen Gesprächen eine breite Öffentlichkeit zu schaffen. Sie erläutern und diskutieren ihr Projekt in Schulen, Jugendclubs und vor kirchlichen Gruppen. Schanze: „Wir brauchen nicht nur finanzielle, sondern auch ideelle Zuwendung.“

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