Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalt: Jugendamt muss immer öfter eingreifen, um Kinder zu schützen.

Gefahr aus dem Elternhaus

Darmstadt-Dieburg ‐ Drei Mädchen, zwei, fünf und acht Jahre alt, müssen in die Obhut des Jugendamts, weil auf einem Handy Fotos von sexueller Gewalt des Stiefvaters an einem der Mädchen sichergestellt wurden. Das Kind muss mit einem schweren Trauma in einer Kinderklinik behandelt werden, alle drei Schwestern sind in einer Bereitschaftspflegestelle untergebracht. Beide Eltern befinden sich in Untersuchungshaft.

Diese Nachricht, die nach einem besonders tragischen Fall der RTL-Super-Nanny klingt, stammt aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg. Und ist längst kein Einzelfall mehr: Überforderte Eltern, Vernachlässigung, Misshandlung und sexuelle Gewalt sind die häufigsten Gründe dafür, dass das Jugendamt des Landkreises Kinder und Jugendliche in Obhut nehmen muss. „Dabei geht der Trend eindeutig steil nach oben“, beurteilt Landrat Klaus Peter Schellhaas die oft bedrückende Situation. Allein in der Zeit vom 1. Januar bis 24. August 2009 hat das Jugendamt des Landkreises 64 junge Menschen in Obhut genommen. Das sind zehn mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Die Kosten für Schutzmaßnahmen klettern in diesem Jahr voraussichtlich um rund 600 000 Euro auf mehr als eine Million. Denn an Schutzmaßnahmen schließen sich meistens ambulante oder stationäre Jugendhilfen an.

Mit diesen Zahlen liegt Darmstadt-Dieburg im Landes- beziehungsweise Bundestrend. Zwischen 2000 und 2007 ist in Hessen die Zahl der gerichtlichen Maßnahmen zum teilweisen oder vollständigen Entzug der elterlichen Sorge um 43 Prozent gestiegen. Im Jahr 2008 gab es gegenüber 2007 nochmals eine kräftige Steigerung um 31 Prozent. „Dies belegt, dass Jugendämter nicht übervorsichtig agieren, sondern dass hinter den Schutzmaßnahmen auch gerichtlich bestätigte, gravierende Notlagen stehen“, sagt Schellhaas. Schutzmaßnahmen haben zur Folge, dass betroffenen Kinder und Jugendliche in akuten Gefahrensituationen in Einrichtungen oder bei vertrauenswürdigen Personen wie Oma oder Onkel untergebracht werden. Beim Kreisjugendamt sind 34 Personen in fünf Teams mit der sensiblen Aufgabe der Inobhutnahme betraut.

Beispiele dafür, wie gravierend die Fälle sein können, gibt es im Landkreis genug. Grund für Schutzmaßnahmen etwa sind oft psychisch kranke Mütter. So trennte die Erziehungshilfe von Mai bis Juni in vier Fällen vier Babys und ein Kleinkind von ihren Müttern, weil diese unter dem Borderline-Syndrom oder anderen psychischen Erkrankungen leiden. Trennungsanlass kann auch eine total verwahrloste Wohnung sein, in der völlig überforderte Eltern ihre Kinder nur mangelhaft versorgen. In diesem Fall wurde die Erziehungshilfe durch Mitarbeiterinnen einer Kindertagesstätte im Rahmen der so genannten Paragraf-8-A-Regelung informiert. Dieser Paragraf verpflichtet die Kindertagesstätten, den Schutzauftrag in gleicher Weise wahrzunehmen wie das Jugendamt. Dies bedeutet, dass die Mitarbeiter bei Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung, unterstützt durch vom Kreis finanzierte erfahrene Fachkräfte des Kinderschutzbundes, eine Risikoeinschätzung vornehmen. Wenn Hilfsangebote an die Eltern keinen Erfolg bringen, richten sie eine Meldung an das Jugendamt.

„Die Steigerung der Fallzahlen ist zwar bedrückend, doch sie zeigt auch, dass die Maßnahmen zur Aufdeckung von Vernachlässigungen und Misshandlungen greifen“, sagt der Landrat. Dabei sei auch festzustellen, dass immer mehr Bürger durch die öffentliche Beachtung, die dieser Bereich erfährt, in ihrem Meldeverhalten sensibler geworden seien.

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