Gelungene Neuinszenierung der „Fledermaus“ am Staatstheater Darmstadt

Flattermann mit Spielwitz

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Alltägliches Jetzt und illusionäres Damals halten sich die Waage: Szene mit Valerie Vercelot, Carsten Süss, Kyra Galal sowie Tänzerinnen

Darmstadt - Das geht ja gut los: Draußen im Foyer, auf dem Tisch mit den Programmheften, liegt eine Gestalt im Fledermauskostüm. Mannsgroß ist sie und offensichtlich völlig betrunken. Von Axel Zibulski 

Das Staatstheater Darmstadt führte die Zuschauer auf originelle Weise in die populärste der Wiener Operetten ein. Als drinnen, im Großen Haus, die Johann-Strauß-Ouvertüre losfedert, trödelt auch die Flattergestalt irgendwann herein. Klar, es ist der Sänger Thomas de Vries alias Notar Dr. Falke, und wir Zuschauer haben kurzerhand die Vorgeschichte geliefert bekommen. Schließlich hat der Jurist nach einer durchzechten Nacht mit dem Privatier Gabriel von Eisenstein noch eine Rechnung offen, die diesen erst zum Ball des Prinzen Orlofsky und dann ins städtische Gefängnis führt.

Alltägliches Jetzt und illusionäres Damals halten sich in Nicole Claudia Webers Darmstädter Neuinszenierung der „Fledermaus“ wunderbar die Waage: Da umfließt einerseits ein satt geschwungener Goldrahmen die Bühne, auf der zunächst Leute von heute in einer Reihenhauswohnung von gestern spielen. Neben Eisenstein und seiner überkandidelten Gattin Rosalinde gehören dazu deren tenoral kraftbrüstiger Ex-Liebhaber Alfred (David Lee) und die Kammerzofe Adele, als die Katharina Ruckgaber später zur heimlichen und sopransilbrigen Hauptfigur der feinen Gesellschaft wird. Denn dahin zieht es sie alle, zum Prinzen Orlofsky, den Sängerin Xiaoyi Xu so schön androgyn gibt.

Orlofskys Ball, den der zweite der drei Akte opulent ausmalt, ist in Darmstadt als vollkommenes Illusionstheater zu sehen. Rokoko-Kostüme und Zöpfe, weite Kleider und üppiges Mobiliar bieten in Friedrich Eggerts Ausstattung dem Auge reichlich Nahrung. Die Bilder zeigen Theater auf dem Theater, wirken darum keinen Augenblick angestaubt, im Gegenteil: Das Darmstädter Ensemble einschließlich des hervorragend disponierten Opernchors bewegt sich mit viel Spielwitz – zum Beispiel, wenn David Pichlmaier als vorlauter Eisenstein die eigene Gattin, die treffend spitze Rosalinda von Katharina Persicke, nicht erkennt.

Operettentypische Kalauer auf aktuelle politische Entwicklungen macht die Regie glücklicherweise gleich selbst als höchst peinlich kenntlich, und der Auftritt des Gefängniswärters Frosch, von Strauß für einen Volksschauspieler vorgesehen, ist hier tatsächlich eine Glanznummer. Denn der 77 Jahre alte Walter Renneisen nutzt die Gunst seines viertelstündigen Solos für eine Selbstbetrachtung des Darmstädters an sich, seiner Sprache und seiner Eigenarten, vertiefte Kenntnisse des Südhessischen voraussetzend. Wer die nicht mitbringt, kann sich ganz gewiss über die entspannt-leichtflüssige musikalische Grundierung dieser auf knappe drei Stunden gestrafften „Fledermaus“ freuen, die Michael Nündel am Pult des Staatsorchesters Darmstadt gelassen entwickelt.

Nächste Vorstellungen am 20., 26. und 31. Dezember sowie am 9. und 19. Januar.

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