Hessens einziger Badesee mitten in einer Stadt

Großreinemachen des „Großen Woogs“ in Darmstadt

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1963 - das letzte große Reinemachen ist schon eine ganze Weile her.

Darmstadt - Badeseen werden regelmäßig kontrolliert, ob die Wasserqualität in Ordnung ist und die Algen nicht überhandnehmen. Manchmal muss sogar gründlich entschlammt werden. Die Stadt Darmstadt macht das gerade. Eine solche Aktion gibt es nur alle paar Jahrzehnte einmal. Von Joachim Baier

Großreinemachen in Hessens einzigem Badesee mitten in einer Stadt: Wenn die Sommersaison Mitte Mai beginnt, dürfte der "Große Woog" in Darmstadt wieder picobello dastehen - nach einer Grundreinigung, wie sie nur selten vorkommt, "Entschlammung" genannt. "Das ist schon ein größeres Projekt", sagt Michael Häckl vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie in Wiesbaden. Mit seiner zentralen Lage sei der See, der seit rund 200 Jahren öffentlich genutzt wird, eine absolute Ausnahme in Hessen, ist sich der 56-Jährige sicher. Wo sonst bei herrlichem Wetter mitten in der Stadt wie in einer Oase Gäste Erfrischung im kühlen Nass suchen, wird jetzt gearbeitet. Es sieht aus, als sei der Stöpsel gezogen worden. Das Wasser ist fast weg. Die rund 150.000 Kubikmeter Wasser liefen fast vollständig ab. Es wurde abgefischt, Teichmuscheln wurden eingesammelt.

Der "Woog" wird gereinigt, 7600 Tonnen Schlamm kommen raus - etwa 300 Lkw-Ladungen. Damit wird auch jede Menge Phosphat entfernt, der Nährstoff von Algen. Wenn es davon zu viel gibt, kann es sein, dass ein Badesee grün aussieht und vorsichtshalber geschlossen werden muss. Das will die Stadt Darmstadt mit der Sanierung des "Woogs" verhindern. "Da geht sonst auch kaum einer freiwillig rein", sagt Häckl. Den öffentlichen "Großen Woog" nutzen durchschnittlich 120.000 Besucher im Jahr. Sein Name stammt aus dem Althochdeutschen, er steht in dieser Gegend laut Stadtarchiv Darmstadt für "stehendes Gewässer". Der Badesee ist relativ flach. Die mittlere Tiefe wurde 2010 gemessen und lag laut Häckl bei knapp unter zwei Meter. Auch nach der Entschlammung dürfte sich das nicht viel ändern, "vielleicht etwas drüber über zwei Meter".

Der "Woog" wird gereinigt, 7600 Tonnen Schlamm kommen raus - etwa 300 Lkw-Ladungen.

Die tiefste Stelle ist mit 4,50 Meter am Sprungturm. Das letzte große Reinemachen ist schon eine ganze Weile her. "Das letzte Mal war 1963", sagt der Leiter der Darmstädter Bäder, Torsten Rasch (64). Für das Projekt seien insgesamt 1,2 Millionen Euro veranschlagt. Der Schlamm kommt kaum 40 Kilometer entfernt in Flörsheim am Main (Main-Taunus-Kreis) auf die Deponie. Der Naturbadesse hat künftig mehr Wasser. "Umso größer die Wassermenge ist, desto "stabiler" ist auch ein See", erklärt Häckl. Wer am "Großen Woog" vorbeikommt, dem fällt eigentlich erst einmal nur der stark gesunkene Wasserspiegel auf - wirklich Spektakuläres ist da zunächst nicht zu sehen. Der Blick fällt auf ein kleines grünes Boot, dass in dem Wasser noch schwimmen kann und irgendwie ganz romantisch dazu passt. Das ist ein Herzstück des Projektes, genannt "Schneidkopfsaugbagger". Er nimmt Schlamm, Wasser und Sand auf, das Gemisch wird zu einer Maschine gepumpt, Schlamm und Sand bleiben zurück, das Wasser fließt wieder in den Badesee.

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Der "Woog" mit einer Wasserfläche von fast 60.000 Quadratmetern ist eingeteilt in 19 Felder. Abgesaugt wird eines nach dem anderen. Das System heißt "Nassentschlammung" und funktioniere "so etwa wie in einer Salatschleuder", sagte Kathrin Haase (35) von der für die Entschlammung zuständigen Kurstjens Entwässerung und Nassbaggertechnik GmbH aus Longuich (Rheinland-Pfalz). Wenn ein See leergepumpt wird, tauchen bisweilen Gegenstände auf, die dort nicht hingehören: Fahrräder, Waschmaschinen, manchmal sogar ein Auto. "Es ist aber meist weniger drin, als vermutet wird", sagt Projekt-Leiter Stefan Brück (51) von Kurstjens, als er die Trennung von Schlamm, Sand und Wasser an der mobilen Zentrifuge erklärt. "Wir haben aber heute Morgen einen alten Pfennig gefunden." Die Frage, ob das frostige Wetter mit Eisbildung bei der Entschlammung erneut Probleme machen könnte, beantwortet er gelassen: "Wir sind gut im Plan. Und es gibt zeitliche Reserven."

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