Haben unsere Straßen Karies?

Darmstadt-Dieburg (bp) ‐ Nicht der Winter, sondern die schlechte Bausubstanz sei für die aktuellen Straßenschäden verantwortlich, erklärt Prof. Axel Poweleit von der Hochschule Darmstadt im Interview mit unserer Zeitung. Neue „Wundermittel“ im Straßenbau hält er für wenig sinnvoll.

Ist der Winter besonders hart oder sind unsere Straßen bloß zu schlecht?

Man kann es so formulieren: Die beiden letzten Winter haben unsere Straßen einem harten Belastungstest ausgesetzt. Und den haben nicht alle Straßen bestanden. Extrem, auch unter Beachtung mehrfacher Frost-Tau-Wechsellagen, waren die Winter aber nicht. Wir haben alte Straßen, die noch top in Ordnung sind. Und wir haben neue Straßen, die schon Schäden aufweisen. Es deutet sich daher eher an, dass einzelne Straßen zu schlecht gebaut sind und andere schlecht behandelt werden.

Vielleicht sind ja auch die Städte selbst schuld an der Misere? Seit Jahren wird mangels Geldes zu wenig in die Substanzerhaltung gesteckt.

Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Nässe darf nicht in die Straße eindringen. Frost verursacht dann die zu beobachtenden Schäden. Dies müssen die Straßenbaulastträger, zum Beispiel die Städte, verhindern. Dazu bedarf es einer Handlungsstrategie, die auf fortlaufender Beobachtung des Straßenzustandes aufbaut und vorbeugende Schutzmaßnahmen für die Straßen frühzeitig abruft. Gleichzeitig ist aber beim Neubau durch Kontrolle einer ausreichenden Straßendimensionierung und einer sehr guten Bauausführung die Grundvoraussetzung für eine gute Substanz zu schaffen.

Was läuft beim Straßenbau falsch? Kann man Straßen nicht haltbarer bauen? 

Schadensursachen sind vielfältig. Zwei Ursachen sind zu beachten. Da sind zum einen Unterdimensionierung und schwache Bauausführungen vorhanden. Zum anderen haben wir viele Straßenschädigungen durch unsachgemäße Aufgrabungen von Versorgungsträgern. Wenn jeder alles richtig macht oder akribisch kontrolliert wird, gibt es weniger Schäden und haltbare Straßen. 

Brauchen wir neue Materialien, die besser mit den Wetter- und Verkehrsverhältnissen zurechtkommen oder liegt es an der Verarbeitung der bisherigen Baustoffe, dass wir über Schlaglochpisten holpern?

An den klassischen Materialien des Asphaltstraßenbaues gibt es momentan keine wirtschaftliche und langzeiterprobte Alternative. An der Verklebung der Splittkörnungen mit Bitumen kommen wir nicht vorbei. Vielmehr müssen wir die Asphaltrezepturen so optimieren, dass sie noch besser den tatsächlichen Beanspruchungen standhalten. Hier besteht dringender Forschungsbedarf zum Spannungsbogen „Temperatur – Verformungsverhalten – Kräfte“ und die Entwicklung aussagekräftiger Rechenmodelle.

Forschen Sie nach solchen neuen Werkstoffen?

Als Hochschule hinken wir in der Forschungsausstattung den Universitäten hinterher. Ideen sind da, aber es fehlt an entsprechenden gerätetechnischen Ausstattungen. Unser Augenmerk geht nicht in Richtung neuer Werkstoffe, eher in Richtung optimierter Rezepturen unter Beachtung der Verformungswilligkeit und einer längeren Haltbarkeit von Asphalt. Lieber die bekannte Bauweise konsequent weiterentwickeln, als verschreckt mit „Wundermitteln“ agieren. Der erste Weg verspricht mehr Nachhaltigkeit und Akzeptanz.

Spielt das Thema ,,Schlagloch“ im Studienalltag ihres Fachbereichs eine Rolle?

Ja, selbstverständlich. Bei den jetzt für die Straßenbauer anstehenden Prüfungen habe ich die Abschlussklausur abgesagt. Statt dessen bearbeiten die Studenten in elf Arbeitsgruppen Themen wie Schadensbilder, Schadensursachen, Sanierungsverfahren, Haftbarkeit, Sanierungsstrategie im Hinblick auf den Zustand der Straßen. Überschrieben ist das mit dem Titel: „Haben unsere Straßen Karies?“ Ziel ist es den Lehrstoff praktisch auf das Thema anzuwenden. Auf die Ergebnisse Ende Februar bin ich gespannt.

Rubriklistenbild: © Thorben Wengert / Pixelio.de

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