Darmstädter Kikeriki-Theater

Mundart hilft, Heimat nie zu vergessen

+
Roland Hotz und Ratten-Rebell Körbel mit guter Laune in der Puppenwerkstatt. Hotz gründete das Kikeriki-Theater 1979. In der Comedy Hall bringt es satirische Stücke für Erwachsene und Märchenhaftes für Kinder auf die Bühne.

Darmstadt - Komödiantisches Puppentheater für Erwachsene. In Mundart. Was nach Nische klingt, ist für das Darmstädter Kikeriki-Theater seit fast 40 Jahren Erfolgsprinzip. Nicht nur auf der Heimatbühne der Comedy Hall, sondern auch auf Tour. Von Eva-Maria Lill 

Monate im Voraus ausverkauft, lange Schlangen, Kult. Wir haben uns auf einen Kaffee mit Gründer und Chef Roland Hotz getroffen.

„Der erste Beruf, den jeder lernt, ist Puppenspieler.“ Wenn Roland Hotz spricht, spurten Worte aus seinem Mund. Sie drängeln, sie schubsen, sie überholen sich. Beim Lächeln schiebt er die Zähne über die Unterlippe. „Kleine Kinder“, erklärt er, „glauben noch, dass Gegenstände für den Moment lebendig werden können.“ Also hupen sie mit handtellergroßen Autos und trinken Tee mit Plastikhaarmädchen. Aber irgendwann, sagt Hotz, verschwindet diese Fähigkeit der bewussten Illusion. „Das Schlimmste, das dem Menschen passieren kann, ist das Erwachsenwerden.“

Wer Hotz, 65, in die Augen schaut, der sieht ihn noch, den kleinen Jungen. Er hat sich gut versteckt, unter halblangem Grauhaar und hinter hessischem Schlappmaul. „Deppen“ sagt der Kikeriki-Theater-Chef oft. Und „scheißegal“. Witze lässt er mit der gleichen Nonchalance auf die Tischplatte plumpsen wie seine Fingerkuppen. „Ich habe viele Philosophien“, sagt er, „die meisten davon über Kunst.“

Vor allem, natürlich, über das Puppentheater, wie er es seit fast 40 Jahren in Darmstadt zeigt. Märchenhaftes für Kinder, Komödiantisches in Mundart für Erwachsene. „Ich kann eh kein richtiges Deutsch“, erklärt Hotz. „Und in Zeiten der Globalisierung hilft Dialekt, die Heimat nicht zu vergessen.“ Oft stehen Puppen in Kombination mit Schauspielern auf der Bühne. „Wir verstehen uns mit diesem Kniff in der Tradition von Bert Brechts Epischem Theater: Wir spielen, dass wir spielen, und unsere Zuschauer wissen das auch .“

Diese Philosophie kommt an. Der Ruf eilt dem Theater voraus, lauter als ein Hahnenschrei. Die mehr als 330 Vorstellungen jährlich in den beiden Sälen der Comedy Hall sind Monate im Voraus ausverkauft. Etwa 70 000 Besucher begrüßt Hotz in Darmstadt, 30 000 bei Gastspielen von Fulda bis Aschaffenburg. Zehn Stücke für Erwachsene hat das Kikeriki im Repertoire, acht für Kinder.„Improvisation hält uns frisch“, erläutert Hotz. „Wir spielen nah am Zeitgeschehen, nah am Publikum. Wir wollen jeden Abend einzigartig machen. Wir reagieren auf Zwischenrufe, auf Niesen, auf Pöbeleien. Dafür sind wir beleidigt, wenn das Publikum nicht mitmacht.“

Puppenspiel, sagt Hotz, sei im Grunde eine dreidimensionale Karikatur. Und die Aufgabe von Karikatur bestehe darin, Sehnsucht nach dem Unkorrekten zu stillen. Gerade die Deutschen leiden seiner Meinung nach sehr unter dem Zwang zur Sinnhaftigkeit. „Die Trennung von Unterhaltung und Hochkultur gibt es so in keinem anderen Land“, bemängelt er. „In Paris gehst du einen Tag in die Oper, am nächsten ins Kabarett, am dritten in einen Strip-Schuppen, und alles, was die Leute fragen, ist: War es gut? Die Deutschen haben Angst davor, für ihren Geschmack abgelehnt zu werden.“

Diese Furcht kennt Hotz vom Puppentheater. „Kinderkram“, laute oft das Vorurteil. Dabei sei die Aufgabe dieser Kunstform von Anfang an der Tabubruch gewesen. Schauspieler hätten – sicher verborgen hinterm Kaspergesicht – die Möglichkeit gehabt, Derbheiten gegen die Obrigkeit zu pfeffern. „Wir sind quasi moderne Narren, die das Maul aufreißen und auch mal übers Ziel hinausschießen“, verdeutlicht Hotz. Satire dürfe zwar nicht alles, die Achtung des Menschen sei unantastbar. Dennoch: „Ich will kein Hatschi-Batschi-Theater machen. Wenn die Leute bei uns rausgehen und sagen: ,War ja nett’, hat was nicht funktioniert. Wenn aber drei bis vier ins Foyer kotzen, war’s geil.“

Beim Kindertheater sei das freilich anders. „Wir wollen nicht modern sein. Mit Erwachsenenthemen werden die Kinder früh genug konfrontiert.“ Auch in dieser Sparte stellt er Deutschland kein gutes Zeugnis aus. „Jeder hat Angst, kitschig zu sein. Große Theaterhäuser gucken danach, was dem Intendanten und der Kritik gefällt. Ich mache Theater nicht für die Kunst, sondern fürs Publikum.“

Hotz geht gern seinen eigenen Weg. Als er 1979 das Kikeriki-Theater gründet, „haben Verwandte und Freunde gemeckert: Der langhaarige Depp, was will der schon wieder?“ Und das, obwohl Hotz aus einem Künstlerhaushalt stammt. Sein Vater arbeitet damals unter dem Pseudonym Willi Bendow als Komiker und Conférencier; der Sohn darf ihn bei Gastspielen begleiten. „Das war gut, weil ich so nicht nur die schönen, sondern auch die schlechten Seiten des Berufs mitbekommen habe. Etwa, dass wir im Winter drei Autos fuhren und im Sommer eins, weil das Geschäft nicht lief.“

Ende der 60er gründet Bendow die Stolzenfelser Kinderbühne, bietet Ponyreiten sowie Clownerien an. Und Kasperletheater. Sein Sohn Hotz springt ein – und verliebt sich. „Ich hatte schon immer zu viele Hobbys“, sagt er. „Ich habe gemalt, gebastelt, geschauspielert, geschrieben. Beim Puppentheater konnte ich alles in einen Topf werfen und ein einziges Produkt herausbekommen.“ Mit seiner damaligen Frau und Freunden startet er 1979 eine Amateurgruppe, das Kikeriki-Theater. „Weil der Hahn herausschreit, was ihm einfällt.“ 1980 feiert „Wie Kasper den traurigen Clown August wieder fröhlich macht“ Premiere. Die erste Zeit spielt die Gruppe nur Stücke für Kinder, schon damals selbst geschrieben, Ehrensache.

Vier Jahre später fordert ein Folklore-Klub die Kikerikis auf, es mal vor Erwachsenen zu versuchen. „Wir waren skeptisch. Aber dann sind wir hingegangen, haben vor der Vorstellung zwei oder neun Bier getrunken, haben improvisiert, und die Leute waren begeistert“, erinnert sich der Theaterchef.

Bald darauf das erste Erwachsenenstück. Mit Erfolg, schon in den 80ern und frühen 90ern. „Die Gruppe ist uns, ehrlich gesagt, rasch über den Kopf gewachsen“, gibt Hotz zu. „1992 mussten wir uns entscheiden, ob wir’s ganz oder gar nicht machen. Wir haben uns für ganz entschieden und es zum Beruf gemacht.“

Subventioniert wird das Privattheater übrigens nicht: „Andere Gruppen können das Geld der Stadt besser gebrauchen als wir“, findet Hotz.

Wenn er über die Vergangenheit erzählt, zeigt er gern ein Foto von 1994. Ein Jahr zuvor war die Gruppe ins erste eigene Theater an der Bessunger Straße in Darmstadt gezogen. Bis dahin hatte die nahe Bücherei den Kartenvorverkauf gestemmt, 1994 übernahm das die Truppe. „Wir hatten 8 000 Tickets für ein halbes Jahr bereitgelegt“, erzählt Hotz. „Als wir morgens ans Theater gekommen sind, haben wir gedacht, uns trifft der Schlag.“

Straßenzügeweit wälzen sich Wartende in Richtung des Hauses, blockieren Autos und Passanten. Es dauert bis nachts um halb vier, bis die letzten Karten in glückliche Hände wandern. Im nächsten Jahr, erinnert sich Hotz, kam sogar die Polizei und stellte Absperrgitter auf. „Wir waren zwar erst umgezogen, mussten uns aber schon nach einem größeren Gebäude umsehen. Das war kein Zustand.“

Kikeriki-Theater auf Tour: 15.1., Aschaffenburg, Stadthalle, „Himmel, Arsch und Zwirn“; 26. & 27.1., Dietzenbach, Stadthalle, „Siegfrieds Nibelungenentzündung“; 29.1., Frankfurt, Batschkapp, „Faust“; 11.8., Heusenstamm, Open Air am Bannturm, „Himmel, Arsch und Zwirn“. Weitere Tour-Termine und Spielplan in Darmstadt gibt's im Internet.

Gefunden haben die Kikerikis ihre Bleibe in der ehemaligen Turnhalle an der Heidelberger Straße. 1996 eröffnen sie dort die Comedy Hall – eigenhändig umgebaut. Einen „lebenden Guckkasten“, nennt Hotz Saal und Theaterlokal, „ein Gesamtkunstwerk“. An den Wänden Papiertheaterschnitte, überall gucken und lachen Figurengesichter, ein überlebensgroßer Schweine-Erwin wacht neben der Tür, Lichter, Holz, Gemütlichkeit. 22 Festangestellte und etwa 50 Aushilfen schuften im Theater. Über mangelnde Beschäftigung könne sich niemand beschweren. Der Erfolg, sagt Hotz, ist ein guter Arbeitgeber.

Dennoch hat er nicht vor, zwanghaft außerhalb Hessens zu expandieren. „Wir sind in der Mundart zu Hause, wir spielen da, wo man uns versteht“, erklärt er. „Wenn ein Laden so gut läuft wie unserer, besteht immer die Gefahr der Selbstüberschätzung. Aber wir wissen sehr genau, wer und was und wo wir sind.“

Seit 2005 teilt sich das Ensemble in zwei Truppen mit jeweils fünf Schauspielern. Während die eine Riege in der Comedy Hall auftritt, gibt die andere Gastspiele. Hotz leitet die eine, sein Sohn Felix die andere. „Für Nachfolge ist gesorgt“, wagt Hotz den Blick in die Zukunft. „Ich will das aber noch lange machen“, stellt er nach kurzem Zögern klar. Und zieht seinen Mund wieder zum breiten Kindskopflächeln. „Solange ich eben noch nicht erwachsen bin.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare