DA-Serie Forstamt Teil 8: Konzept gegen Schädlinge

Kleine Borkenkäfer, aber große Sorgen

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Die Maikäfer machen den Dieburger Förstern weniger Probleme. Die Beschaffenheit des Bodens hier in der Gegend kommt ihnen nicht entgegen.

Dieburg - Viele Dieburger Bürger nutzen ihn als Freizeitgebiet zum Wandern, Joggen, Radfahren oder einfach zum Erholen - den Wald. Zwar ist er nicht so aufgeräumt und sauber wie das heimische Wohnzimmer - soll er auch gar nicht sein - dennoch wird er täglich von Forstamtmitarbeitern gepflegt und betreut. Von Verena Scholze

Sie scheinen für die Bürger häufig unsichtbar zu sein und doch ist ihre Arbeit wichtig und unersetzbar. Doch was machen Forstamtmitarbeiter eigentlich und wie muss der Wald gepflegt werden? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die Forstamt-Serie des DIEBURGER ANZEIGERs, die heute das Thema Schädlingsbefall beleuchtet.

„Die Klimaerwärmung ist heute schon messbar und hat in den letzten Jahren zunehmend zum Auftauchen verschiedenster Schädlinge und Pilze im Wald geführt“, erklärt Revierförster Peter Sturm, und wehrt sich zugleich gegen den Begriff Schädling. „Dieser Begriff ist eine menschliche Definition, bei dem die Bewertung des Schadens aus rein wirtschaftlicher Perspektive des Menschen geschieht. Die Natur jedoch sondert mit den Schädlingen die Schwachen aus und lässt auf Dauer gesehen nur die Stärksten überleben. Dies sichert den Fortbestand der Art durch optimale Anpassung an den Lebensraum.“

Diese abgestorbenen Baumstämme gehen auf die Kosten der Buchdrucker. Sie warten am Wegesrand auf die Abfuhr zum Sägewerk.

Einige dieser „Schädlinge“, zu denen unter anderem Maikäfer, Eichenprozessionsspinner und Borkenkäfer zählen, sind auch in den Dieburger Wäldern oder zumindest im weiteren Umkreis anzutreffen. „In Dieburg haben wir beispielsweise mit den Maikäfern so gut wie keine Probleme“, erklärt Sturm. „Das liegt an unseren tonigen Böden und an dem relativ hoch anstehenden Grundwasser im Winter.“ Die Maikäfer, deren Engerlinge über vier Jahre im Waldboden liegen, fürchten den Frost. Bei kalten Temperaturen weichen sie tiefer zurück, was bei den Bodenwasserverhältnissen im Dieburger Raum kaum möglich ist.

Entweder die Engerlinge erfrieren oder sie ertrinken. „Wir sind hier fast wie auf einer Insel“, bemerkt Sturm. Im Gegensatz zu den Wäldern rund um Darmstadt. Dort wird voraussichtlich auch in den nächsten Jahren der Wald erheblich unter dem Wurzelfraß der Maikäferengerlinge leiden.

Die Buchdrucker - hier ein Tier im Größenvergleich zwischen Streichholz und Daumen - richten als Borkenkäferart schon mehr Schaden an.

Auch das Vorkommen des so gefürchteten Eichenprozessionsspinners wird vermutlich dieses Jahr nur geringe Probleme bereiten. Nach dem ersten Auftreten der Raupen in den heißen Sommern vor einigen Jahren war die Population im letzten Jahr bereits rückläufig. „Die Raupen des Schmetterlings sind weniger für den Wald als für den Menschen ein Problem“, sagt Sturm. Die Haare der Raupen sind ab dem dritten Larvenstadium, etwa ab Mitte Mai, gefährlich. Sie halten sich auch an den Kleidern und Schuhen und lösen bei Berührungen immer neue toxische Reaktionen aus. Diese Hautreaktionen, bestehend aus Quaddeln, Knötchen und Rötungen, halten oft ein bis zwei Wochen an.

Sturm rät, beim Entdecken von Raupen und vor allem deren Gespinstsäcken aus Haarresten, Häutungsresten und Kot unbedingt Abstand zu halten und keineswegs eine Bekämpfung auf eigene Faust durchzuführen. Eine Meldung an das Dieburger Forstamt oder an das Ordnungsamt sei empfehlenswert.

Ein kaum mehr zu beherrschendes Problem für den Forst stellt jedoch das Vorkommen verschiedener Borkenkäferarten dar. Vor allem Buchdrucker und Kupferstecher ziehen speziell die im Flachland eigentlich nicht heimische Fichte, die überwiegend nach dem Zweiten Weltkrieg angepflanzt wurde, in Mitleidenschaft. „Das ist ein kleiner Kerl mit großer Wirkung“, so Sturm und zeigt auf einzelne befallene Fichten, die im letzten Spätsommer vom Borkenkäfer heimgesucht wurden und nun bei noch grüner Krone bereits ihre Rinde verloren haben und absterben. „In den nächsten Tagen werden diese Bäume gefällt und aus dem Wald abgefahren“, sagt der für das Forstamt Dieburg als Waldschutzexperte zuständige Sturm.

Normalerweise kann die Fichte durch die Absonderung von Harz Borkenkäfer abwehren. Ist sie aber in irgendeiner Form, beispielsweise durch Wassermangel, geschwächt, kann sie schon durch relativ wenige Borkenkäfer überwältigt werden, da nicht mehr genügend Harz produziert werden kann.

Hierbei spielen Duftstoffe eine Rolle, die dem Borkenkäfer die Notsituation des Baumes andeuten. Nach dem Einbohren sondern die Käfer sie Sexuallockstoffen ab, was viele Artgenossen anlockt. Diese legen dann ganze Brutsysteme unter der Rinde des Baumes an und lassen diesen absterben. Bei geeigneter Witterung, also trockenen und heißen Sommern, kann es zu einer Massenvermehrung von Borkenkäfern kommen.

Bei einem normal ausgebildeten Brutsystem kann man von einem Geschlechterverhältnis von 1:1 ausgehen, aus dem nach rund acht Wochen rund 50 Weibchen schlüpfen. Jedes dieser Weibchen legt wiederum etwa 100 Eier, aus denen nach acht Wochen 50 Weibchen schlüpfen.

„Brutzeit ist Ende April bis Ende August, hierbei können drei Generationen angelegt werden“ erläutert Sturm und rechnet hoch, dass ein einziges Weibchen in der Lage ist, die „Urmutter“ für 250 000 Borkenkäfer zu werden. „Leider sind solche Sommer mit großer Hitze und Trockenheit häufiger geworden, so dass die Borkenkäferarten insgesamt deutlich zugenommen haben. Wenn sich die Prognosen zur Klimaerwärmung bestätigen, ist das das Aus für die Fichte in unserer Region“ resümiert Sturm. „Da hilft auch kein Förster mehr...“

Das Forstschutzkonzept des Dieburger Forstamtes sieht auch daher praktisch keinen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln vor. Das Ziel des Konzeptes ist es, die Fähigkeit des Waldes zur Selbstregulierung zu stärken. Die rechtzeitige Beseitigung und Abfuhr befallener Fichten sowie die ständige Kontrolle aller vom Forstamt betreuten Wälder auf Schädlingsbefall soll dazu beitragen, größere Schäden im Vorfeld zu verhindern.

Ein baumartenreicher Mischbestand ist die ideale Voraussetzung für einen stabilen und gesunden Wald, der der drohenden Klimaveränderung und anderen Gefahren am ehesten standhalten kann.

„In den Lichtungen zwischen den abgestorbenen Fichten kann man gut erkennen, wie sich der Wald selbst reguliert“, so Sturm und weist auf kleine wild wachsende Sprösslinge, die sich den Weg nach oben erkämpfen. Bergahorn und Esche drängen ans Licht und müssen sich gegen das Rehwild durchsetzen, das hier einen gedeckten Tisch vorfindet. „Die Jagd ist ein wesentlicher Schlüssel zu dieser Fähigkeit der Selbstregulierung“, ergänzt Sturm. „Nur wo zahlenmäßig angepasste Rehwildbestände das Heranwachsen von jungen Bäumchen über alle Baumarten hinweg zulassen, hat der von uns gewollte bunt gemischte Wald von Morgen eine Chance. Auch im Interesse unserer Kinder.“

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