Küsse gibt’s nicht mehr umsonst

In Darmstadt wartet „Kiss me, Kate“ mit einer Überraschung auf

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Entfesselt: Barbara Obermeier als Lilli/Katharina.

Darmstadt – Man kann das so nicht stehen lassen. Das Original-Ende von Cole Porters Musical-Klassiker „Kiss me, Kate“ hat sich wirklich überholt. Das sieht auch Erik Petersen so, der das 1948 uraufgeführte Werk des US-Komponisten jetzt für das Darmstädter Staatstheater inszeniert hat. Von Katja Sturm

„Mich hat der Schluss immer gestört“, ließ der Regisseur vor der Premiere verlauten. Deshalb hat er mittels einer kleinen Überraschung ein Geschlechter-Gleichgewicht hergestellt.

Schon in den mehr als drei Stunden zuvor kämpfen die Frauen gegen Unterdrückung und Bevormundung durch die Männer an, die sich ursprünglich auf beiden Handlungsebenen durch das Stück zieht. Da wäre William Shakespeares Werk „Der Widerspenstigen Zähmung“, das die Theatergruppe des Produzenten Fred Graham (Tobias Licht) als Singspiel auf eine Bühne in Baltimore bringt. Darin wird das überschäumende Temperament der Katharina Minola gebändigt, sodass diese sich schließlich ihrem Ehemann Petruchio lammfromm fügt.

Der wird in den Proben und bei der Premiere des Ensembles von Graham selbst gespielt, der als Gegenpart seine ehemalige Gattin Lilli Vanessi (Barbara Obermeier) engagiert hat. Das schafft Probleme, die sich noch verschärfen, da der Theatermacher von zwei Geldeintreibern (Michael Pegher, David Pichlmaier) mit einem gefälschten Schuldschein konfrontiert wird.

Um die Aufführung und sein Leben zu retten, bringt Graham die Ganoven dazu, seine wütende Ex mit Gewalt an der geplanten Abreise zu hindern. Obwohl sie gefesselt weiterspielen muss, ergibt sich die willensstarke Dame nie in ihr Schicksal, schmettert ihren Kontrahenten ein inbrünstiges „I hate Men“ entgegen und wehrt sich auch sonst mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Freiheitsberaubung.

Nicht minder energisch präsentiert sich die zweite weibliche Hauptperson, „Bianca“ Lois Lane. Beatrice Reece, nicht gerade mit Traummaßen ausgestattet, weiß in dieser Rolle die Waffen der Frauen in jeder Hinsicht bestens einzusetzen. Sie geizt nicht mit ihren Reizen, wickelt flirtend und ihren Körper geschmeidig wiegend jeden Mann um ihre kräftig zupackenden Finger und betört zusätzlich mit eindringlicher Soulstimme.

Petersen hat sich auch Zeit genommen für die Randfiguren, den von Zahnschmerzen geplagten Baptista (Andreas Wellano) etwa oder die Assistenten der Hauptdarsteller, Hattie (Ellen Wawrzyniak) und Paul (Daniel Dodd-Ellis), die eine eigene Liebschaft pflegen. Ganz zu schweigen von dem Gangsterpaar, das komödiantisches Talent entwickelt.

Das alles spielt sich inmitten einer Bühnenkonstruktion ab, bei der es einem schwindelig werden kann. Denn Momme Hinrichs und Torge Möller haben sie als rotierenden Würfel mit zwei offenen Seiten und mehreren Gängen daneben angelegt, in denen sich die gesamte Theaterwelt erschließt.

Tanztheater in Darmstadt

Das flotte Tempo, in dem es durchweg vorangeht, lässt erkennen, dass das, was hier gespielt wird, auch Alltag für die Künstler ist. Das noch bei hellem Zuschauerraum besungene „Premierenfieber“ wird spürbar. Dafür ist auch das große Orchester unter Leitung von Michael Nündel im Graben verantwortlich, das die Evergreens souverän und mit jeweils angemessener Charakteristik interpretiert.

Nicht minder agil sind die Choreografien von Sabine Arthold angelegt, bei denen sich die Tänzer, als Überbrückung von – natürlich geplanten – Hängern einspringend, Szenenapplaus verdienen. Verena Polkowskis Kostüme sorgen für zusätzlichen Glanz und Atmosphäre.

So liefert dieser schwungvolle und rasante Abend genügend Argumente dafür, auch in einer stetig neue Produktionen auf den Markt werfenden Sparte Klassiker wiederzubeleben. Eine zeitgemäße Modernisierung vorausgesetzt.

Nächste Aufführungen am 16. und 28. März sowie am 7., 14., 20. und 21. April. Karten unter: 06151/2811600

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