Hülya Lehr stellt bei „Asian Spirit Expo“ während der Besuchstage des Mönchs aus Tibet in Frankfurt aus

Kunst aus Münster für den Dalai Lama

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Die Münsterer Kunstverkäuferin Hülya Lehr schätzt nicht nur die Eigenschaften des Buddhismus – sie versucht, in allen Religionen positive Aspekte zu sehen.

Münster - Wenn Hülya Lehr über den Dalai Lama spricht, gerät sie ins Schwärmen: „Es ist seine Friedenspolitik. Er steht dafür, dass Abrüstung nicht mit dem Abbau von Panzern, sondern im Herzen anfängt.“ Lange schon freute sie sich auf diese Tage, an denen das geistliche Oberhaupt der Tibeter auf der letzten Station seiner Europa-Reise vom 30. Juli bis 2. August in Frankfurt weilt. Von Michael Just

Nun ist sie hautnah dabei, auch deshalb, weil sie als Inhaberin von „darmadi arts“, einem kleinen Kunstgeschäft am Münsterer Rathausplatz, die Ausstellung „Asian Spirit Expo“ mitgestaltet. „Damit geht ein Wunsch von mir in Erfüllung“, strahlt Lehr und ergänzt: „Es ist eine besondere Ehre, von der buddhistischen Gesellschaft in Frankfurt für diese Ausstellung zugelassen worden zu sein.“

Weitere Informationen zum Besuch des Dalai Lama in Frankfurt und zur Ausstellung finden Sie hier.

Mitte Mai 2006 eröffnete die gebürtige Türkin ihr Geschäft in Münster. Es beinhaltet Ausstellung und Verkauf von Skulpturen und Bilder verschiedener Religionen, die über den Buddhismus, den Islam, das Christentum bis hin zum Hinduismus reichen. Ihr Leitfaden geht aber weit über ein wirtschaftliches Interesse hinaus. „Es ist mein Ziel, die Schnittstellen der Glaubensrichtungen am Beispiel der Handwerkskünste zu zeigen und so zum Ausdruck zu bringen, dass wir Menschen, egal wo wir leben und egal, welcher Glaubensrichtung wir angehören, den Frieden in uns haben“, sagt die 44-Jährige. Als Beispiel zeigt sie eine Schnitzerei vom Heiligen Michael aus Südtirol und die Statue des Hindu-Gottes Shiva. Beide sagen für sie das Gleiche aus, auch wenn die dargestellte Form je eine andere ist: „Das Böse wird vernichtet, um das Gute zu entfalten!“.

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Hülya Lehr hinterlässt mit ihren Ansichten schon deshalb einen besonderen Eindruck, weil sie Muslimin ist. Wer sie kennt, wird immer wieder erfahren, wie sie sich für den interreligiösen Dialog sowie die Anerkennung und Gleichstellung aller Religionen ausspricht. Diese Haltung sieht sie nicht als Widerspruch zur eigenen Religion, im Gegenteil: Auch hier führt sie den 14. Dalai Lama an, den sie bereits vor zwei Jahren in Hamburg und im letzten Jahr in Bamberg erlebt hat und dabei auch an buddhistischen Lesungen und Unterweisungen teilgenommen hat. Was ihr in Bamberg besonders imponiert hat: „Eine Stunde lang hat der Dalai Lama über die wahre Bedeutung des Friedens im Islam abseits von verblendeten Fundamentalisten gesprochen. Das war für mich der Knackpunkt, an dem ich gesagt habe: ‚Dieser Mann ist einfach Klasse!’“. Das habe bisher noch niemand gewagt, über eine andere Religion derart aufzuklären und für Verständnis zu werben.

So schätzt sie an dem Tibeter, der in seiner Heimat als Heiligkeit und in den westlichen Ländern wegen seiner Lebensphilosophien als eine Art Star verehrt wird, am meisten, dass seine Aussagen sich durchweg über eine religiöse Richtung erheben: „Er ist ein tolles Vorbild, weil er nicht nur zu den Buddhisten, sondern zu allen Menschen spricht.

Hintergrund: Sufismus

Der Sufismus ist eine Art religiöse Philosophie zur Schulung einer ganzheitlichen Betrachtung. Ursprünglich bezog sich das Wort auf die orientalischen Mystiker, die „Sufis“ genannt wurden. Die Wurzeln des Sufismus reichen weit in die Vergangenheit zurück: So gab und gibt es Verbindungen zu den ägyptischen Mysterienkulten, der griechischen Philosophie und des Buddhismus. Die mittelalterlichen Sufis orientierten sich insbesondere am Koran, standen aber oft im Gegensatz zur islamischen Orthodoxie und mussten dafür nicht selten ihr Leben hingeben. Im Jahre 1910 wurde in Europa und Amerika zum ersten Mal ein überkonfessioneller, universaler Sufismus gelehrt. Wer ihm folgt, ist nicht auf bestimmte Dogmen, Rituale oder spirituelle Techniken festgelegt. Sufismus soll nicht Rückzug aus der Welt bedeuten, sondern ein bewusstes Eintauchen. Er will eine religionsverbindende Botschaft aus Liebe, Harmonie und Schönheit vermitteln, die sich an alle Menschen richtet.

Die Inhalte seiner Reden sind für die Geschäftsfrau weniger Religion als Lebensgrundsätze, mit denen sich jeder Mensch einmal beschäftigen sollte: Sie reichen von der Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen bis hin zum Respekt vor allen Lebewesen und der Schöpfung. „Im buddhistischen werden die verschiedenen Religionen und auch Völker nie als Grüppchen gesehen. Die ganze Welt stellt eine große Einheit dar“, hebt Lehr heraus. Diese Gedanken wünscht sie sich auch für ihre Religion und hat dabei den Sufismus entdeckt (siehe Kasten). Er ist für Lehr ein hilfreiches Mittel, nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten der Religionen zu finden. Auf der Suche nach den verbindenden Elementen war sie schon in Bali und Thailand, ein Traum wäre für sie eine Reise nach Nepal oder Tibet. Ob sie an diesem Wochenende dem Friedensnobelpreisträger, der sich seit Jahren gewaltlos gegen die Besetzung Tibets durch China und die damit verbundene Unterdrückung seines Volkes wehrt, einmal hautnah gegenüber steht, ist aber noch ungewiss: „Wenn er durch die Ausstellung geht wäre das natürlich Klasse“, sagt sie. Die Frage, was sie den charismatischen Tibeter bei einer unvorhergesehenen persönlichen Begegnung denn fragen würde, kann sie aus dem Stegreif nicht beantworten: „Ich glaube, ich wäre erst einmal sprachlos.“ Die Ausstellung „Asian Spirit Expo“ ist während der Besuchstage des Dalai Lama (bis zum morgigen Sonntag) auf dem Gelände der Commerzbank Arena zu sehen – der Eintritt ist frei.

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