Inszenierung des populären Abenteuerromans

„Moby Dick“: Staatstheater gelingt Balanceakt

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Unter Regie von Julia Prechsl klettern die Schauspieler in Darmstadt durch wabernden Nebel auf knochenähnlichen Stahlrohren herum. Die Inszenierung von „Moby Dick“ ist durchaus gelungen, umschifft aber nicht jede Adaptionsklippe des populären Stoffs.

Darmstadt - Beim Erscheinen 1851 kenterte „Moby Dick“ an den Konventionen des Abenteuerromans. Erst später entdeckte das Publikum die Walfänger-Geschichte für sich. Das Staatstheater Darmstadt macht bei der Inszenierung des populären Stoffs wenig falsch. Von Stefan Michalzik

Es ist eine ansehnliche Ensembleinszenierung. Fünf Personen, vier bärtige Männer und eine Frau, spielen eine Theaterfassung des 800-Seiten-Brockens „Moby Dick“ von Herman Melville aus dem Jahr 1851 im Staatstheater Darmstadt. Zu Lebzeiten des US-amerikanischen Schriftstellers (1819-1891) war dem Walfängerroman kein sonderlicher Publikumserfolg vergönnt. Nach dem Ersten Weltkrieg wiederentdeckt und mittels zahlreicher Bearbeitungen als Jugendbuch sowie durch Verfilmungen populär geworden, löste sich der Stoff vom Original und seinem Urheber. So betrachtet lässt sich mit „Moby Dick“ zwar viel falsch, im besseren Fall aber auch viel wiedergutmachen. Die Inszenierung von Julia Prechsl, Jahrgang 1992, in den kellerkatakombenartigen Kammerspielen bewegt sich unter dem Strich auf der guten Seite. Reichlich szenische Aktion, mit nichts als den fundamentalen Mitteln des Theaters. Dass zeitgeistigerweise ein bisschen Video dabei ist, spielt eine untergeordnete Rolle.

Einer brillanten Analyse des Literaturwissenschaftlers Dieter E. Zimmer zufolge ist der Roman „robuste Abenteuergeschichte“ wie zugleich „naturhistorische und mythologische Abhandlung“. Prechsls Fokus gilt vor allem der, so Zimmer, „moralphilosophischen Reflexion über die Natur des Menschen“, der zufolge „alle optimistischen Utopien zunichte werden müssen“.

Das nüchtern grafitgraue und kletterfähige Stahlgerüst, das Ausstatterin Birgit Leitzinger schräg in den schwarzen Raum gekippt hat, lässt keinen Zweifel daran, was als Vorbild gedient hat, das Skelett eines Wals. Die Gruppe als Protagonist – Anabel Möbius, Erwin Aljukic, Hans-Christian Hegewald, Robert Lang, Bela Milan Urlau, einheitlich gewandet in verwegene graue Jeanskleidung mit marmorierten Streifen – spielt den auch als innerer Monolog des Ich-Erzählers Ishmael zu lesenden Text frontal. Der Textschnitt nach der passablen Übersetzung von Matthias Jendis, der anders als der Roman rasch beim Kampf Kapitän Ahab versus der weiße Wal ankommt, ist auf seine Art schlüssig.

Zunächst gibt es an Land eine choreografische Schnurre um die Unmöglichkeit der Übernachtung auf einer harten Sitzbank, die den aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden Zivilisationsflüchtling mit dem biblischen Namen Ishmael ins zu teilende Bett des Kannibalen Queequeg treibt. Es gibt viele Balanceakte auf dem Gerippe und viel drastisch pointierte Dramatik durch forciertes Sprechen und körperliche Heftigkeit.

Etwa derart, dass sich die Gesichter zweier Kontrahenten auf Tuchfühlung nahekommen. Eine besondere Rolle spielt naturgemäß der ob seiner Glasknochenkrankheit kleinwüchsige Erwin Aljukic, der öfter von einem Partner in die Höhe gehoben wird, aber auch mit turnerischen Kraftakten auffällt.

Theaterhandwerklich sehr kunstvoll gestaltet ist der Kampf mit dem mythischen Seeungeheuer in einer Trockenübung mit Windmaschine und seifengeschäumtem Wasser aus Zinkeimern. Völlig frei vom Hauch einer Fingerübung ist dieser eindreiviertelstündig durchgespielte Abend zwar nicht. Konzeptionell ist er jedoch gut durchdacht und insofern durchaus respektabel.

Weitere Termine am Staatstheater Darmstadt: 15. September und 8. Oktober.

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