Dieburger Autorin Gertrud Berg-Oldendorf stellt ihr neues Buch vor

Mundart ist wie ein Hausanzug

Offenbach-Post

Dieburg -

(ves) „Die Mundart ist wie ein Hausanzug, in dem man sich wohlfühlt“, zitiert Gertrud Berg-Oldendorf, „und auf der Straße zieht man den feinen Zwirn an.“ Die Dieburger Mundartautorin sieht ihre Aufgabe darin, die heute immer mehr verschwindende Mundart zu bewahren und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. „Ai isch babbel doch so“, lächelt Berg-Oldendorf verschmitzt auf die Frage, wie sie denn dazu kam, sich der Mundart zu widmen.

Berg-Oldendorf wurde am 2. Mai 1925 in Fischbachtal-Niedernhausen im Odenwald geboren und ist dort aufgewachsen, bevor es sie 1994 nach Dieburg verschlug. Die Autorin ist verheiratet, hat vier Kinder, acht Enkel und inzwischen auch einen Urenkel. Berg-Oldendorf, die sich selber als Autodidaktin bezeichnet, war seit 1959 in der Erwachsenenbildung tätig. „Damals gab es die Volkshochschule noch gar nicht“, blickt Berg-Oldendorf zurück. „Das Volksbildungswerk kam auf mich zu und fragte, ob ich nicht Kurse geben möchte“. Es folgten Lichtbildervorträge wie „Erziehungsschwierigkeiten im Kindesalter“ sowie Vortragsreihen über „Israel und Judentum“ und „Türkei und Islam“.“ Ich war viermal für längere Zeit in Israel“, erzählt Berg-Oldendorf. Laut ihren israelischen Freunden kennt sie das Land und die Leute dort besser als mancher Reiseführer. Auch in der Justizvollzugsanstalt Dieburg war sie tätig und unterrichtete Autogenes Training und Deutsch für Ausländer.

Im Alter von 60 Jahren begann die lebensfrohe Autorin ihre schriftstellerische Laufbahn. Ihr erstes Buch in Odenwälder Mundart, ihre „Dorfgeschichten aus dem Fischbachtal“, das sie 1985 verfasste, wurde auf Anhieb ein voller Erfolg. Das Buch verkaufte sich so gut, dass die Autorin den Odenwald-Verlag gründete. Bis heute hat sie insgesamt 19 Bücher geschrieben, die hauptsächlich Geschichten und Gedichte beinhalten. Aber nicht nur in Mundart, auch in Hochdeutsch verfasste sie ihre selbst erdachten Geschichten. Aus gesundheitlichen Gründen übergab sie 2005 den Verlag an ihre Nachfolgerin Liliane Spandl-Wildner und widmet sich seitdem dem reinen Schreiben.

„Ich habe in den ersten Büchern eine Hinterlassenschaft meines Vaters aufgearbeitet“, sagt Berg-Oldendorf. Ihr Vater, Lehrer im Fischbachtal, rettete im Krieg eine Mappe mit Aufzeichnungen wie Bilder und Berichte, die er seiner Tochter hinterließ. „Es war mir ein Bedürfnis, diese Erinnerungen in meinen Büchern zu verarbeiten“, erzählt sie. Darüber hinaus spiegeln sich eigene Erlebnisse, Fantasien und Ideen in ihren Büchern wieder. „In dem Gedicht ,Bunte Träume' wandere ich durch die Türkei und treffe auf mein eigenes Ich, mit dem ich dann ein Zwiegespräch halte“, verrät die Autorin. Liebevoll wirkt sie auch an der Einband-Gestaltung ihrer Bücher mit. So ziert ein Cover das Foto von „Bärbelsche“, der Großmutter ihres Mannes.

In ihrem neusten Buch „Zauberfäden“, das sie am 18. Juni in der Mediothek der Goetheschule präsentieren wird, stellt Berg-Oldendorf eins ihrer ersten Gedichte einem jetzt verfassten gegenüber. „Es handelt von einem Schlosspark und zwischen den beiden Gedichten liegen 65 Jahre. Das erste habe ich als Teenager verfasst, als ich ans Veröffentlichen noch gar nicht dachte“, erzählt Berg-Oldendorf. „Man bemerkt eine große Reife, und dass viele Veränderungen stattgefunden haben.“ Aber nicht nur tragende und besinnliche Lyrik, auch leichte Worte gehen der Autorin flott von der Hand. In einem weiteren Gedicht aus dem neuen Band blickt sie auf Wünsche, Hoffnungen und Freude zurück. „Ich wollte schon immer…“, ein Gedicht, das sie mit einem Augenzwinkern vorträgt und in dem mancher sich und seine Wünsche wiedererkennt.

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