Existenz von mehr als 100 südhessischen Milchbauern ist in Gefahr / Bauernverband plant Regionalmarke und Kooperation mit Verbrauchern

Niedriger Milchpreis schlägt hohe Wellen

Darmstadt-Dieburg - Waldmichelbach/Griesheim Etwa zwanzig Cent und weniger für einen Liter Milch - das geht auch für die Milchviehhalter im Süden Hessens auf keine Kuhhaut mehr: Viele der Familienbetriebe sind in ihrer Existenz bedroht.

Der Regionalbauernverband Starkenburg (RBVS) befürchtet ein „Aus“ für mehr als 30 Prozent der südhessischen Landwirte. „Es ist höchste Zeit zum Handeln“, erklärte Walter Schütz, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg. Die Lage der hessischen Milchbauern sei katastrophal. Zugespitzt habe sich die Situation, weil die in Deutschland marktbeherrschenden Discounter ihre Verhandlungsmacht ausnutzten: Die Erzeugerpreise für Milch sind auf einem historischen Tief angelangt. Verantwortungsbewusste Landwirte, die mit dem Erlös ihres Betriebes ihre Familie ernähren müssten, sähen ihre Zukunft ernsthaft gefährdet.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise trifft die Milcherzeuger zudem mit voller Wucht, da die weltweite Nachfrage nach Milchprodukten zurückgegangen ist. Parallel dazu hat die EU-Kommission - trotz übervoller Märkte - die Milchquote um 2,5 Prozent erhöht. Das heißt: Es ist europaweit zu viel und zu billige Milch auf dem Markt.

Walter Schütz rechnet damit, dass in Südhessen mehr als 100 Milcherzeuger – das sind rund 30 Prozent der Milchviehbetriebe – ihren Betrieb aufgeben müssen. Dies gefährde nicht nur die Versorgung mit Milch und Milchprodukten aus der Region, sondern vernichte Existenzen und Arbeitsplätze. Daher fordert Schütz ein Verbot von Milch-Imitaten wie „Analogkäse“ auf Pizza sowie eine konsequente Kontrolle durch die staatliche Lebensmittelüberwachung. Verbraucher würden in die Irre geführt. Wer Milchimitate in Lebensmitteln nutzte, müsse diese deutlich kennzeichnen. Jährlich werden bundesweit bereits 100 000 Tonnen Analogkäse statt Käse verarbeitet. Dies entspricht drei Viertel der hessischen Milchproduktion. Zudem sollten Produktionsstandards bei Milcherzeugnissen beibehalten werden: Zur Herstellung von Milch-Eis müssten auch künftig Milchprodukte verwendet werden. „Wo Milch und Käse draufsteht, muss auch Milch drin sein“, so Schütz.

Der Regionalbauernverband fordert schnelle Liquiditätshilfen für seine in Not geratenen Agrarbetriebe: Viele könnten wegen der niedrigen Milchpreise und der hohen Kosten ihre Rechnungen nicht mehr zahlen. Hier seien vor allem die Banken in der Region aufgefordert, durch kurzfristiges Umschulden und Strecken von Kredittilgungen die Milcherzeuger zu entlasten. Schütz hofft zudem, dass die zu erwartenden EU-Direktzahlungen an Agrarbetriebe auf den 1. Juli vorgezogen würden. EU-Direktzahlungen stellen einen finanziellen Ausgleich für die hohen Umweltschutz-, Tierschutz- und Verbraucherschutzstandards in der EU im Vergleich zu den Produktionsauflagen in Drittstaaten dar.

Verbraucher in Südhessen müssen sich nach Überzeugung des Bauernverbandes beim Einkauf für regionale Produkte und für eine Landwirtschaft mit Familienbetrieben entscheiden können. Wichtig sei es, dass die Herkunft von Milch und Milcherzeugnissen wie Käse sichtbar und erlebbar gemacht werde. Deshalb plant der Regionalbauernverband eine „Odenwälder Milch- und Käsestraße“. So ließe sich die Attraktivität der Region mit dem regionalen Lebensmittelangebot verknüpfen. Eine neue „Regionalmarke“ könne zudem für eine wachsende Identität von Verbrauchern mit regionalen Produkten sorgen.

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