Nur die Musik verleiht Orientierung

Verwickelt: „Die Sache Makropoulos“ im Staatstheater Darmstadt

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Emilia Marty, Hauptperson des 1926 in Brünn uraufgeführten Dreiakters, ist zum Zeitpunkt der Handlung stolze 337 Jahre alt. Szene mit Sopranistin Sabina Martin.

Darmstadt -  Es geht um die Suche nach der Unsterblichkeit und um Verzicht. Eigentlich ein klarer Handlungsstrang. Aber die Inszenierung von Leo Janáceks „Die Sache Makropoulos“ im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt bewegt sich am Rande der Unverständlichkeit. Von Axel Zibulski

Die zeitlichen Dimensionen in dieser Oper des Tschechen Leo Janácek sind ganz außergewöhnlich: Emilia Marty, Hauptperson des 1926 in Brünn uraufgeführten Dreiakters, ist zur Zeitpunkt der Handlung nämlich stolze 337 Jahre alt. Der Geheimtrunk eines Alchemisten verlieh ihr als junger Frau dieses außergewöhnlich lange Leben. Doch die Wirkung lässt nun nach, und so sucht sie intensiv nach dem Rezept, das sich in der Kanzlei des Anwalts Kolenat verbirgt – so verbinden sich die ans Absurde reichenden Handlungsstränge.

Im Staatstheater Darmstadt hat Eva-Maria Höckmayr nun „Die Sache Makropoulos“ erarbeitet, und zwar auf der Grundlage von Kerstin Lückers deutscher Neuübersetzung des tschechischen Librettos. Zum Verständnis der verworrenen Geschichte mag das gewiss einen Beitrag leisten. Trotzdem scheint es der Regisseurin nicht vorrangig auf die lineare Darstellung der Handlung anzukommen.

So tritt die Darstellerin der Emilia Marty im ersten der drei Akte gar nicht persönlich auf die Bühne. Sopranistin Sabina Martin gestaltet ihre Partie stattdessen vom ersten Rang aus; zu sehen ist sie auf der Bühne nur in Videoprojektionen und darin auch noch in wechselnden Gestalten. So kann sich jeder Mann sein eigenes Bild von ihr erdenken, der Rechtsanwalt Kolenat wie auch dessen Gehilfe Vitek, die Prozessgegner Prus und Gregor wie auch der alte Haukendorf. Der kannte Emilia Marty noch unter dem Namen Eugenia Montez. Doch so nahe diese Spiegelungen und Seitenwege auch die Aufhebung szenischer Eindeutigkeit legen mögen: Die Opernhandlung gerät damit an den Rand der Unverständlichkeit.

Dazu trägt das aus Versatzstücken bestehende Bühnenbild von Ausstatterin Julia Rösler noch weiter bei. Lichtbrücken und Bühnenprospekte verleihen der Szene einen bewusst offenen Charakter. Filmschnitthaft schnelle Szenenwechsel betonen das Illusionäre. Orientierung verleiht in dieser eigentlich so beklemmenden Kafka-Umgebung die musikalische Seite: Der Darmstädter Generalmusikdirektor Will Humburg erzählt mit dem Staatsorchester das Drama kompakt, mit häufigen Spannungsspitzen und, bei aller Herbheit der Musik, hoher emotionaler Anteilnahme.

Sie wächst noch einmal in der Schlussszene der Emilia Marty, als diese, endlich zu dem Rezept gelangt, sich aus freien Stücken gegen das Elixier und dafür, endlich sterben zu können, entscheidet. Sabina Martin bietet dafür in der Titelpartie freilich auch die erforderliche Präsenz und, wo nötig, schneidende Schärfe. Über die große vokale Geste verfügt sie ebenso wie über die Kunst der Andeutung. Zum Beispiel gegenüber ihrem alten Verehrer Haukendorf, dem Andreas Wagner einen entrückten Tenor leiht, oder gegenüber Jaroslav Prus und dessen Sohn Janek (Stefan Adam und David Lee), die Janáceks dichte musikalische Dialoge mit viel Schlagfertigkeit ausgestalten.

Athens Trend-Viertel Kerameikos

Janáceks Opern erfordern immer ein ausgewogenes Ensemble: Das bietet Darmstadt. Aber sie erfordern auch eine Transparenz der so dichten Handlung: Das bleibt die Neuproduktion schuldig. So gesehen hätte man auch auf Tschechisch singen können: Dann klingt Janácek nämlich am authentischsten.

Nächste Vorstellungen: 22. und 29. März, 13. und 27. April sowie 10. Mai.

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