Verein Horizont

Prostitution in Darmstadt: Stress und Armut auf dem Straßenstrich

Sexarbeiterin Eva steht mit ihrem Wohnmobil in einer Waldschneise im Westen Darmstadts und wartet auf Freier. Foto: Renate Hoyer
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Sexarbeiterin Eva steht mit ihrem Wohnmobil in einer Waldschneise im Westen Darmstadts und wartet auf Freier. 

Der Verein Horizont hilft in Darmstadt Prostituierten. Manche Frauen müssen auf der Straße schlafen.

Durch Zufall entdeckten die beiden Sozialarbeiterinnen den Verschlag auf einem Brachgelände in Darmstadt. Hier sollen nachts Prostituierte unterkommen, die sonst keinen Platz zum Schlafen haben. Im Innern der Hütte, in die man hinter einen Zaun und durch ein kleines Loch hineinkriechen muss, liegen Autoreifen, mehrere Schlafsäcke und Isomatten, ein Spiegel steht in der Mitte, eine Jacke und ein Regenschirm hängen an der Decke. Es wirkt benutzt. Draußen ist es unter null Grad.

„Da schlafen osteuropäische Frauen, die keinen Leistungsbezug haben“, sagt Mandy Lehninger vom Verein Horizont, im Sommer sei die Hütte immer belegt. Einmal die Woche drehen sie und ihre Kollegin Birgit Schenker ihre Runde über den Darmstädter Straßenstrich. Regelmäßig seien sie auch im Wald Richtung Griesheim unterwegs. Dort gibt es einen Weg, auf dem ebenfalls Prostituierte anzutreffen sind.

Das Erkennungszeichen der Sozialarbeiterinnen ist eine rote Tasche mit weißen Punkten. Darin befinden sich Kondome, feuchte Tücher, Taschentücher.

Was man so braucht: Waschbecken, Desinfektionsspray, High Heels. 

Auch mittags stehen schon Frauen in dicken Winterjacken in Bismarckstraße und Kirschenallee, der sogenannten Toleranzzone. „Das Hintergrundpersonal“ – also der Zuhälter oder die Zuhälterin – wüsste inzwischen: „Da ist was Gutes für meine Frauen drin.“ Seit 2009 betreibt der Verein das Hilfsprojekt Oyá als Unterstützung für Frauen in der Straßenprostitution. Es wird von der Stadt Darmstadt mitfinanziert.

Prostitution in Darmstadt: Sozialarbeiterinnen bieten Hilfe an

Neben Hygieneartikeln erhalten die Frauen bei Bedarf auch Essen und Kleidung. Über die Tasche komme man ins Gespräch, sagt Lehninger. Viele Frauen fragten inzwischen nach den Hygienepäckchen und fingen dann an, von ihren Problemen zu erzählen. Das können medizinische oder bürokratische Probleme sein – Horizont begleitet die Frauen auch zu Ärzten und Behörden, hilft bei der Wohnungssuche oder berät, wenn Frauen aussteigen wollen. Es kann aber auch sein, dass ein Freier handgreiflich geworden ist, wie Horizont-Einrichtungsleiterin Brigitte Kröpelin berichtet. Dann gebe man die Information an die anderen Frauen weiter. Auch mit der Polizei arbeite man zusammen.

Erkennungszeichen rote Tasche: Eine Prostituierte nimmt ein Hygienepäckchen entgegen.

Doch insgesamt sind die Kontakte zu Prostituierten zurückgegangen. Im Jahr 2016 habe es 895 Kontakte gegeben, 2018 waren es nur noch 612, sagt Kröpelin. „Der Break kam mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz, das 2017 in Kraft trat.“ Dieses sei „noch mal eine Hürde“ für die Frauen. Das Gesetz verpflichtet Personen, die der Prostitution nachgehen, ihre Tätigkeit anzumelden.

Prostitution

401 Prostituierte sind aktuell in Darmstadt gemeldet. Die Stadt geht jedoch davon aus, dass sich nicht alle vor Ort aufhalten und entsprechend betätigen.

Um die Anmeldebescheinigung zu bekommen, müssen Prostituierte mindestens 18 sein. Außerdem müssen sie ein Beratungsgespräch bei der Ordnungsbehörde führen, einen Nachweis über die beim Gesundheitsamt erfolgte gesundheitliche Beratung sowie ein Ausweisdokument vorlegen und eine Wohnadresse haben.

Bevor das Prostituiertenschutzgesetz  2017 in Kraft trat, wurden Prostituierte zahlenmäßig nicht erfasst. Das Gesetz soll Frauen vor Kriminalität schützen. Kernelement ist der sogenannte Hurenpass.

Interessenverbände wie Doña Carmen kritisieren, das Prostituiertenschutzgesetz benachteilige und gefährde Sexarbeiterinnen. Es laufe nicht auf Schutz, sondern auf eine staatlicherseits beabsichtigte Reduzierung des Angebots sexueller Dienstleistungen hinaus. Viele Frauen erhielten keine anonyme Gesundheitsberatung mehr.

Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2018 bundesweit rund 32 800 Prostituierte angemeldet. Dies macht laut Doña Carmen gerade mal 17 Prozent aller 200 000 Sexarbeiter/ -innen aus, mit denen die Bundesregierung rechne. 

Eigentlich soll das Gesetz die Frauen vor Kriminalität schützen. In der Straßenprostitution führt es laut Kröpelin jedoch dazu, dass die Frauen „schneller von ihren Hintergrundleuten in andere Städte gestellt werden“, damit sie wegen der fehlenden Anmeldung nicht belangt werden können. „Das ist Stress pur für die Betroffenen“, sagt Kröpelin. Zuhälter könnten Ehemänner, Brüder oder auch Schwiegermütter sein.

Für die Meldung, mit der die Frauen auch vom Finanzamt veranschlagt werden, benötigen sie eine postzustellungsfähige Adresse. Um eine solche zu bekommen, mieteten manche zu überhöhten Preisen völlig verwahrloste Unterkünfte. Andere versuchten, in Hotels unterzukommen. Klappe das nicht, blieben Auto oder Straße.

Viele der Frauen in Darmstadt kommen aus Osteuropa, sagt Mandy Lehninger, manche seien in Clans organisiert. Das verdiente Geld schickten sie nach Hause zu ihren Familien. „Die Frauen sind oft nur für eine bestimmte Dauer hier und verschwinden dann wieder“, ergänzt Birgit Schenker.

Darmstadt: Prostitution aus „Jux und Dollerei“ 

Doch auch Deutsche gehen dem Gewerbe nach, und manche sind seit vielen Jahren in Darmstadt aktiv. Auf der langen und zugigen, von Firmen flankierten Kirschenallee steht eine blonde Frau, sie ist weit und breit die Einzige. Auch ihr sei aufgefallen, dass „es mit den Mädels weniger geworden ist“. Seit zwölf Jahren gehe sie auf den Strich, erzählt sie. Mit 50 habe sie ihre Arbeit als Fremdsprachensekretärin verloren. „Damals sagte man mir: ,Du bist zu alt für den deutschen Arbeitsmarkt.‘“ Aus „Jux und Dollerei“ habe sie mit der Prostitution begonnen. Ihre Stammgäste seien meist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Wenn Mandy Lehninger und Birgit Schenker vorbeischauen, sei das schön: „Man kann auch mal reden“, sagt sie.


Jüngere Osteuropäerinnen sind an diesem Mittag nicht anzutreffen. Die Horizont-Mitarbeiterinnen fragen noch zwei andere Frauen, ob sie etwas brauchen. Die eine ist Celine. Mit 37 fing sie an, in Darmstadt auf den Strich zu gehen, heute ist sie 49 und im Substitutionsprojekt. „Ich muss jetzt erst mal Geld verdienen. Ich habe heute noch gar nichts“, sagt sie. Die Sozialarbeiterinnen verabschieden sich schnell. Es ist kalt. Beide sind durchgefroren. Unvorstellbar, hier stundenlang zu stehen. Die Videoüberwachungsanlagen der Firmen entlang der Straße seien auch nicht gerade förderlich fürs Geschäft, findet Lehninger. „Freier überlegen sich, ob sie hier anhalten.“ Es gebe sicher geeignetere Straßen, doch die Stadt dränge die Frauen an den Rand.

Darmstadt: „Meine Seele ist im Arsch“

Für die Prostituierten gibt es dort nur wenige Möglichkeiten sich frisch zu machen, aufzuwärmen oder auf die Toilette zu gehen. Ein Kioskbetreiber erlaube ihnen, sich in seinen Räumen aufzuhalten, sagt Schenker. Jetzt plant die Stadt die Aufstellung eines Sanitärcontainers. „Ein Standort wird derzeit abgestimmt“, teilte die städtische Pressestelle auf Anfrage mit.

Wie belastend die Tätigkeit auf der Straße ist, erzählt Celine später am Telefon: „Meine Seele ist im Arsch nach 13 Jahren dieser Anschafferei. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich mal beim Zahnarzt gearbeitet habe.“ Sie sei abgerutscht, als das Jugendamt ihr die Kinder wegnahm, weil ihr damaliger Partner sie geschlagen habe. Besonders schlimm findet sie, wenn minderjährige Mädchen anschaffen gehen. „Die verwirken ihre ganze Jugend.“ Erst heute habe sie eine junge Ausländerin, die vielleicht 15 gewesen sei, so alt wie ihre eigene Tochter, von ihrem Stammplatz vertreiben müssen. „Es ist ein raues Verhältnis hier.“

Weiterlesen: „Nichts ist heute mehr schweinisch oder absurd“*: Eine ehemalige Edelprostituierte aus Frankfurt erzählt von ihrer Tätigkeit in einem Wald in Darmstadt.

Voodoo-Schwur in Nigeria folgte die Zwangsprostitution*: Das Landgericht Darmstadt hat einen Mann und eine Frau zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, weil das Paar als Teil eines Schleusernetzwerks junge Nigerianerinnen sexuell ausgenutzt hat.

Klara Lakomy aka Salomé Balthus spricht mit der FR darüber, warum sie Roger Köppel und die „Weltwoche“ verklagt. Und was Prostitution mit Feminismus zu tun hat.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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