Das neue Technikum der Hochschule Darmstadt

Schaufenster zur Wissenschaft

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Verbindendes Element: Das riesige, im Durchmesser 20 Meter große und 25 Tonnen schwere „O“ am Gebäude steht für das chemische Symbol für das Element Sauerstoff, das als verbindend für die Naturwissenschaften Biologie und Chemie gilt.

Darmstadt - Seit wenigen Wochen ist der 33 Millionen Euro teure Chemie- und Biotechnologie-Neubau der Hochschule Darmstadt in Betrieb. Er verbindet Forschung und Lehre unter einem Dach. Von Jens Dörr

Die Versuchsapparaturen im „Schaufenster zur Wissenschaft“ erreichen eine Höhe von sechs Metern. Nein, in eine „Null“ würde das Land Hessen sicher keine 33 Millionen Euro investieren. Der riesige, im Durchmesser 20 Meter messende und 25 Tonnen schwere Kreis aus Stahl soll etwas anderes bedeuten: ein „O“, das chemische Symbol für Sauerstoff. Ein Element, das verbindend für die Naturwissenschaften Biologie und Chemie ist. Das überdimensionale, marineblaue Objekt ist ein Werk des Berliner Künstlers Norbert Radermacher und lehnt sich an das neuste Gebäude der Hochschule Darmstadt (HDA, ehemals FH) an. Auf dem Campus Schöfferstraße, wo das Gros der 17 000 HDA-Studenten lernt, ist seit wenigen Wochen der Neubau des Fachbereichs Chemie- und Biotechnologie in Betrieb. „Wir werden dafür sorgen, dass es keine Null wird“, verspricht HDA-Dekan Hans-Jürgen Koepp-Bank.

Raum zum Experimentieren: Das Gebäude beherbergt 13 Lehr- und Forschungslabore auf 4000 Quadratmeter Nutzfläche. Dort finden die Studenten adäquate Bedingungen vor.

Schon bei rein quantitativer Betrachtung kann man Koepp-Bank in seiner Einschätzung folgen. In den vergangenen Jahren wuchs die zweitgrößte Bildungsstätte der Wissenschaftsstadt (hinter der TU Darmstadt) rasant: Vor sechs Jahren waren an der HDA noch 11.000 Studenten eingeschrieben, im aktuellen Semester sind es rund 6000 mehr. 3 000 Studenten sind überwiegend am Mediencampus in Dieburg zu finden, die restlichen 14.000 nun aber fast alle auf dem Campus in der Nähe von Darmstadts Hauptbahnhof sowie „Telekom-City“. Ins neue Chemie- und Biotechnologie-Gebäude sind 800 Studenten von vier Studiengängen des Fachbereichs eingezogen. Mit ihnen arbeiten dort 14 Professoren, 18 wissenschaftlich-technische Mitarbeiter und vier administrative Kräfte.

Sie alle sind von einem Standort der HDA in der Innenstadt an den Stammsitz gewechselt. In Darmstadts Zentrum übernimmt die TU die frei gewordenen Räume. „Nun sind wir auch räumlich vereint“, freut sich Manfred Loch, HDA-Vizepräsident für Studium, Lehre und studentische Angelegenheiten. „Forschung und Lehre sind jetzt unter einem Dach.“ Und das interdisziplinär: Die 4 000 Quadratmeter Nutzfläche mit 13 Lehr- und zwölf Forschungslaboren, zwei Hörsälen und Büros teilen sich Chemie- und Biotechnologen und arbeiten zugleich viel stärker miteinander als bisher.

Größe im Kleinen: Hochschullehrer Rüdiger Graf aus dem Bereich Bioverfahrenstechnik führt einen Mikroreaktor vor. Dessen Kulturfläche ist nur wenige Quadratmillimeter groß.

So sind in dem aus Hessens Hochschul-Bauprogramm HEUREKA bezahlten Neubau im Erdgeschoss die Bereiche Verfahrenstechnik und Reaktionstechnik untergebracht. Im ersten und dritten Obergeschoss hat die Chemie mit ihren Teilbereichen anorganische, organische und physikalische Chemie sowie Biochemie ihr Domizil gefunden. Die Biologie – konkret die Mikro-, Molekular- und Zellbiologie sowie die Bioverfahrenstechnik – ist im zweiten Obergeschoss daheim. Innerhalb dieser Bereiche führt die HDA bald 1 000 Studenten aus dem In- und Ausland über die Studiengänge Biotechnologie und Chemische Technologie (Bachelor-Abschluss), Chemie- und Biotechnologie (Master) sowie den dualen Bachelor-Studiengang Chemie gen in eine berufliche Zukunft. Die Absolventen der genannten Studiengänge haben sich, nach Ansicht von Martin Worms, Staatssekretär im Hessischen Ministerium der Finanzen, „eine der Schlüsseltechnologien“ ausgesucht. „Wir in Hessen sind die Apotheke der Republik“, meint Worms und spielt damit etwa auf die Bedeutung von Sanofi und des Darmstädter Dax-Konzerns Merck an. HDA-Vize Loch adelt den Fachbereich seiner Hochschule als „wissenschaftlich renommierte Einrichtung“ für anwendernahe Studien: „Wir ermöglichen hier über die Disziplinen hinaus Lehre und Forschung.“ Dergestalt sollen die Studenten von heute ihren Abschluss von morgen und die „Schlüsseltechnologie“ von übermorgen nun mit Leben füllen.

Die Vorlesungen sind im Neubau zum Wintersemester 2017/18 ebenso angelaufen wie die Forschung. Im mehrgeschossigen „Technikum“ haben die Studenten Gelegenheit, an bis zu sechs Meter hohen Versuchsapparaturen erste Erfahrungen mit chemisch-technischen Anlagen im industriellen Maßstab zu sammeln.

Hoch konzentriert: Ein Student füllt eine Lauge in ein Messbehältnis. Anschließend wird beispielsweise mittels einer Elektrode der pH-Wert bestimmt und dokumentiert.

Die zweigeschossige Glasfassade des „Technikums“ nennt die HDA selbst „Schaufenster zur Wissenschaft“. Jeder Passant kann dort ein Auge etwa auf riesige Destillationsapparaturen werfen, die in einem explosionsgesicherten Bereich aufgebaut sind. Doch auch in deutlich kleineren Maßstäben können die Studenten in den zwei Dutzend Laboren technische Lösungen rund um biologische und chemische Prozesse und Komponenten finden. Rüdiger Graf etwa, Professor für Bioverfahrenstechnik, demonstriert einen Rührkessel und Bioreaktor. „Darin stellen wir Biomasse her, wie es unsere Studenten später auch in der Industrie tun können.“ Dabei könne es sich um die Bäckerhefe ebenso handeln wie um Insulin.

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Ein paar Türen weiter befassen sich Erstsemester derweil mit Messmethoden und legen in diesem Zusammenhang ihre anfänglichen Berührungsängste gegenüber dem Laboralltag ab. Mit einer Elektrode stellt eine Gruppe den pH-Wert einer Natronlauge fest, nebenan wird der Siedepunkt einer Säure bestimmt und dokumentiert. Erste Schritte, die eines Tages in die Präparative Chemie oder die genaue Maßanalyse führen könnten.

„Die Studenten sollen rausbekommen, was ihnen liegt“, sagt Laboringenieur Wolfgang Mosch. „Später wird es von der Analytik her relativ speziell.“ Das neue Gebäude stellt für die täglichen Studien jedenfalls einen „Quantensprung“ dar, wie es Mosch ausdrückt. „Vorher war das Laborpraktikum teils über drei, vier Stockwerke verteilt. Das war von der Betreuung her schon schwer.“ Was schon jetzt wie ein weiterer Beleg dafür scheint, dass der Neubau des HDA-Fachbereichs Chemie- und Biotechnologie alles andere als eine „Nullnummer“ wird.

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