„Solche Hilfsbereitschaft tut gut“

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Der Zimmerner Rische (Mitte) kam ebenfalls zur Dieburger Moschee.

Groß-Zimmern/Dieburg ‐ Am Samstag Nachmittag ist bei der Typisierungsaktion in der Dieburger Türkisch-Islamischen-Moschee (DITIB) von Integrationsproblemen und unvereinbaren Kulturunterschieden, nichts zu spüren: In einem der Räume des Kulturzentrums hängen die deutsche und türkische Fahne in zwei Großausfertigungen nebeneinander, davor bilden sich lange Schlangen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft. Von Michael Just

Vereint geht es darum, Benjamin Rische (23) aus Groß-Zimmern und Kayra Can (7) aus Hungen - beide an Leukämie erkrankt - durch eine sechsstündige Typisierungsaktion zu helfen (wir haben berichtet). Nur ein paar Tropfen Blut können dazu beitragen, einen möglichen Knochenmarkspender zu finden.

Schon kurz nach der Eröffnung drängen sich unzählige Menschen zur Anmeldung. Über 200 Spender sind es alleine in der ersten Stunde, am Abend werden es insgesamt rund 1 000 sein. Befürchtungen einiger Skeptiker, dass das Umfeld einer Moschee deutsche Spender abhalten könnte, erweisen sich als unbegründet. Im Gegenteil: „Ich bin extra mit meiner Tochter aus Pfungstadt gekommen. Der Ort spielt für mich keine Rolle, Hauptsache ich kann jemandem helfen“, sagt Christine Waldhaus. Im Internet hat sie bei Facebook und „Wer kennt wen“ davon erfahren. Die Hilfsbereitschaft ist am Samstag nicht nur bei den Pfungstädterinnen ausgeprägt. Fast alle Mitglieder der Moschee sind auf den Beinen, außerdem sind 30 weitere Personen, darunter auch Krankenschwestern, aus Hungen gekommen. Alleine bei der Blutentnahme und der Spendererfassung engagieren sich über 30 Helfer.

Jede Blut-Typisierung kostet 50 Euro

Im Erdgeschoss haben türkische Frauen ein mehrere Meter langes Buffet errichtet das seines gleichen sucht. Die Einnahmen gehen an die Deutsche Knochenmarksspenderdatei (DKMS), da jede einzelne Blut-Typisierung 50 Euro kostet.

Eine Aktion dieses Ausmaßes beschreibt DKMS-Mitarbeiterin Linda Mense aus Köln schon deshalb als Erfolg, weil so die Spenderkarteien in Deutschland, die derzeit drei Millionen Registrierungen erfassen, erweitert werden können. „Wer heute spendet kann damit eventuell auch jemandem helfen, der erst in fünf Jahren erkrankt“, sagt sie

Kayras Onkel wandte sich an die DKMS

Rund 1 000 Menschen folgten dem von Mehmet Travaci (Mitte) initiierten Aufruf, sich für Kayra Can und Benjamin Rische typisieren zu lassen.

Im großen Helferteam ist auch Mehmet Travaci zu finden. Der Kinderarzt aus Babenhausen ist der Vorsitzende der Dieburger DITIB-Moschee und gleichzeitig der Onkel des kleinen Kayra Can. Er hat sich für die Aktion vor Monaten an die DKMS gewandt. Die Angehörigen von Benjamin Rische fragten dann an, das Schicksal des Groß-Zimmerners mit einzubeziehen. In den nächsten Tagen werden in Hungen, Langgöns und anderen oberhessischen Städten weitere Typisierungsaktionen für Kayra Canstattfinden, der bereits 2006 erkrankte.

Benjamin Rische, bei dem der Blutkrebs vor etwa einem halben Jahr entdeckt wurde, ließ es sich nicht nehmen, mit seiner Mutter selbst bei der Typisierungsaktion vorbeizuschauen. „Ich hatte heute morgen Angst hierher zukommen“, so Karin Rische. Als sie sagt „es tut gut soviel Hilfsbereitschaft zu erfahren“, kann sie ihre Tränen nicht mehr unterdrücken.

Die Suche nach einem genetischen Zwilling kann bis zu acht Wochen dauern

Meiner Mutter geht es gut wenn es mir gut geht“, entgegnet Benjamin auf die Frage, wie seine Familie derzeit mit der Situation fertig wird. Der 23-Jährige selbst ist dafür bekannt, mit der Lage äußerst offensiv umzugehen. Obwohl er erst am Freitag aus der Chemotherapie entlassen wurde, ist er trotz Müdigkeit und nachhaltiger Schwächung nach Dieburg gekommen. „Das hier zu sehen, gibt mir Kraft“, hebt er heraus.

Kraft erhält er auch von den Ärzten, die ihm sagen, dass zu 95 Prozent ein passender Spender gefunden wird. Dabei beziehen sie sich auf deutsche, europäische und weltweite Spenderdateien mit Millionen Knochenmarks-Typisierungen, die alle der Reihe nach durchgeforstet werden. Insgesamt kann die Suche sechs bis acht Wochen dauern. Bei Benjamin ist jetzt vor allem wichtig, möglichst schnell einen genetischen Zwilling zu finden und dazu eine Person, die fit für einen körperlichen Eingriff ist.

Jetzt ist der Krebs plötzlich in der Lunge

Gedanken über den Tod habe ich mir noch nie gemacht“, sagt Benjamin und ergänzt, dass er von Anfang an optimistisch mit der Krankheit umgegangen ist. Das will etwas heißen, denn seine Geschichte ist mit einem herben Rückschlag verbunden. Schien er nach der Chemo von Ende April bis Mitte September dieses Jahres geheilt, fuhr er im Herbst sogar in Urlaub.

Vor wenigen Tagen waren die Schmerzen dann auf einmal wieder da und die Leukämie zeigte sich nicht mehr im Blut und im Knochenmark sondern plötzlich in der Lunge. „Gerade weil zuvor alles so super gelaufen ist und keiner mit einem Rückschlag gerechnet hat, ist es so hart“, sagt der 23-Jährige. „Dann ist man ziemlich geknickt, berappelt sich aber sofort wieder, weil man nicht aufgeben darf“, schickt der Groß-Zimmerner hinterher. Obwohl er, wie er einräumt, kein Geduldsmensch ist, wird genau diese Eigenschaft nun gefordert. So hat Benjamin nach 20 Wochen, die er dieses Jahr bereits im Krankenhaus verbracht hat, den Kampf erneut aufgenommen. „Der eine Teil ist der Körper, der andere der Kopf. Wenn der Kopf nicht mitspielt, hast du keine Chance“, sagt er. Der heimtückischen Krebskrankheit setzt er mentale Stärke entgegen: „Ich muss da durch. Im Prinzip hab` ich keine Zweifel, dass ich es schaffen werde.“

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