Täglich neue Sensationen

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Von einer Müllkippe zum Weltnaturerbe: Für eine bessere internationale Vermarktung soll im August 2010 ein Erlebniszentrum in die Fossilienstätte Grube Messel integriert werden.

Messel ‐ Sieben verschiedene Arten Krokodile, Ameisenbären und Tapire tummelten sich direkt vor unserer Haustür. Dies liegt allerdings 49 Millionen Jahre zurück, als ein dichter Regenwald das Rhein-Main-Gebiet überzog. Von Ursula Friedrich

Die Funde aus der Fossilienstätte Grube Messel machen Wissenschaftlern das Zeitalter des Eozäns vertraut, wie dem Laien ein Hollywoodthriller. Der Grund ist eine Naturkatastrophe: Unter der Erdoberfläche kam es zu einer gewaltigen Explosion die einen 700 mal 1000 Meter großen Krater schuf – und alles Leben auslöschte.

In der Ölschieferschicht des entstandenen Maarvulkansees wurden Tiere und Pflanzen sehr gut erhalten – Haut- und Haarabdrücke, Muttertiere mit Föten, letzte Mahlzeiten in den Mägen sind konserviert. Mutter Natur erzeugte so einen nahezu einmaligen „Schnappschuss“ ihrer Erdgeschichte – ein Bild des Lebens nach dem Aussterben der Dinosaurier und der rasanten Ausbreitung einer neuen Spezies: der Säugetiere.

Die Suche des Senckenberg- Instituts, das hier seit 1975 forscht, fördert fast täglich neue Sensationen zu Tage. „Ich denke wir haben erst die Hälfte der Säugetierarten und etwa ein Prozent der Insekten gefunden“, sagte Dr. Stephan Schaal vom Forschungsinstitut. Wegen der Einmaligkeit der Grube Messel – der in den 70er Jahren noch das Los einer Müllkippe drohte – wurde das Kleinod 1995 in die Unesco-Liste Weltnaturerbe der Menschheit aufgenommen.

Bis dato steckt die umweltpädagogische Bildung des interessierten Publikums vor Ort noch in den Kinderschuhen. Doch nicht mehr lange: Durch den Bau des Besucherinformationszentrums werden die spektakulären Ergebnisse der Grabungsarbeiten in Messel der Öffentlichkeit in faszinierender Weise präsentiert. Rund 6,5 Millionen Euro verschlingt der ungewöhnliche Bau, der einem umgekippten Ölschieferblock nachempfunden ist. Mit allen Sinnen sollen Besucher Forschung hier begreifen und wandern durch die verschiedenen Themenfelder: Maarvulkanismus, Ölschiefer, Evolution und Regenwald, aber auch Denkmalpflege und aktives Bürgerengagement mit Wertewandel sollen via interaktivem Lernen vermittelt werden.

„Zeit und Messelwelten“ lautet der Titel dieses Erlebniszentrums, das Besucher aus In- und Ausland anlocken soll. Rund zwei Millionen Euro sind eingeplant, um die Ausstattung – sprich Medientechnik, Szenographie, Mobiliar und Geräte – zu finanzieren. „Im August 2010 soll das Zentrum eröffnet werden“, sagte Messels Bürgermeister Udo Henke.

Auf dem Außenareal am Rand der Grube wird ein großer Themen- und Weltengarten die Forschungsreise der Besucher abrunden. Etwa 700 000 Euro investiert das Land Hessen, um das neue Erlebniszentrum auch international zu vermarkten. Unterdessen erschließen Paläontologen und Grabungstechniker das Terrain sukzessive weiter. Noch schlummert hier ungeheures Potenzial, denn die Grabungen erreichten bislang erst 60 Meter Tiefe, weitere 50 Meter soll es ins Erdinnere gehen. „Wir haben jedes Jahr etwa 1000 Funde“, so Dr. Stephan Schaal. Auch die Wurzeln der Menschheit liegen im Ölschiefer begraben: Mit dem Fund der Affendame Ida wurde eine der weltweit ältesten Urahnen des Menschen geborgen.

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