Als teuerste DDR-Immobilie fiel

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Prof. Dr. Guido Knopp, Chefhistoriker des ZDF, sprach in der voll besetzten Stadthalle in Groß-Umstadt über den Mauerfall vor 20 Jahren und zeigte dazu bewegende Filmausschnitte.

Groß-Umstadt ‐ „Die Bilder von damals wirken heute immer noch“, erklärte Prof. Dr. Guido Knopp in der Stadthalle von Groß-Umstadt und trat auch sogleich den Beweis an. Seinen Vortrag „Wahnsinn! Von Ulrike Bernauer

Als die Mauer fiel“ reicherte der Filmemacher, Sachbuchautor und Chefhistoriker des ZDF mit Filmausschnitten an. Bewegend war das Thema und bewegend in der Tat die Bilder, die den Fall der „teuersten Immobilie der DDR“ zeigten.

Knopp sprach bei einer Vortragsveranstaltung der Sparkasse, die in ihrem Jubiläumsjahr Kunden aus dem gesamten Geschäftsgebiet eingeladen hatten. Und die waren ganz offensichtlich nur zu gerne der Einladung gefolgt, mit 700 Gästen war die geräumige Halle voll besetzt.

Dem Chefhistoriker des ZDF war die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und Zuschauer sicher. Zu aktuell ist das Ereignis noch in den Köpfen aller, auch wenn es nun schon 20 Jahre her ist. Nicht nur ins Gedächtnis rief Knopp den Zuhörern die Geschehnisse von vor 20 Jahren, die zur deutschen Einheit führten, er ließ seine Zuhörer auch ein wenig hinter die Kulissen schauen und räumte mit einigen liebgewordenen Irrtümern auf.

Der dem ehemaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow zugeschriebene Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte“, sei so von diesem niemals gemacht worden. „Gefahren warten auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“, habe der russische Staatsmann hingegen gesagt.

Neben starken Bildern, die von den ersten Demonstrationen in der DDR, den Bildern in der Prager Botschaft, der Öffnung der ungarischen Grenze, über den Mauerfall bis zur ersten wiedervereinigten Sylvesterfeier am Brandenburger Tor gingen, bediente sich Knopp bei seinem Vortrag auch einer bildhaften und metaphernreichen Sprache. Die Szene in der Prager Botschaft, als Genscher den DDR-Bürgern, die dort Zuflucht gefunden hatten, die Genehmigung ihrer Ausreise in die BRD verkündete, nannte er die schönste Balkonszene seit Romeo und Julia.

Knopp beleuchtete auch die Fehler, die auf Seiten des DDR-Regimes begangen wurden und in der Nacht vom 9. auf den 10. November zum schnellen Mauerfall führten. „Es herrschte Chaos in der SED-Führung in jenen Tagen und Günter Schabowski hatte an den Sitzungen des Politbüros kaum teilgenommen“, erklärte Knopp. In der berühmten Pressekonferenz, in der Schabowski verkündete, dass Reisen in den Westen ab jetzt möglich seien, habe der DDR-Politiker den wesentlichen Zettel nicht gefunden und mehr oder weniger improvisiert und damit den Ansturm der Ostberliner auf die Mauer ausgelöst.

Aber auch die Gefahren, denen sich die DDR-Bürger aussetzten, rief der Historiker noch einmal ins Gedächtnis. „Sie sind auf die Straße gegangen und haben nicht nur ihre berufliche Karriere riskiert“, so Knapp, „schließlich konnte niemand wissen, ob die Staatsführung sich nicht die Ereignisse auf dem Platz des himmlischen Friedens in China zum Vorbild nehmen würde“.

Knopp stellte auch die Frage: „Warum war uns das Glück ausnahmsweise einmal hold mit dieser ersten gelungenen deutschen Revolution?“. Vertrauen sei die Hauptursache gewesen, Vertrauen der Verbündeten in Helmut Kohl, der als Prototyp des guten Hausvaters erschien.

Und Vertrauen in Helmut Genscher, der fast alle Staatsmänner der Welt kannte. „Eine Bilokation, einen Menschen, der an zwei Orten auf einmal sein kann“, nannte Knopp den ehemaligen deutschen Außenminister, „eine fleischgewordene Vertrauensmaßnahme und ein souveränes Schlitzohr“.

Der Fernsehredakteur zeigte sich auch überzeugt, dass trotz aller Zweifel, die deutsche Einheit als Glücksfall betrachtet werden müsse. „Wir sind zum ersten Mal in unserer Geschichte umzingelt von Freunden, vor 20 Jahren waren wir das potenzielle atomare Schlachtfeld in Europa. Und Europa funktioniert nicht ohne das geeinte Deutschland“.

In einer auf den Vortrag folgenden Diskussion zeigte sich Knopp auch überzeugt, dass die Freude an der deutschen Einheit inzwischen wieder wachse: „91 Prozent der Deutschen halten die Einheit für eine gute Sache“.

Knopp sprach aber auch einen Fehler an, der seiner Meinung nach auf bundesrepublikanischer Seite begangen worden sei: „ Wir hätten uns nach der Wiedervereinigung eine neue gesamtdeutsche Verfassung geben sollen“, so Knopp, „99 Prozent hätte man vom Grundgesetz übernehmen können. Aber mehr direkte Demokratie wie die Direktwahl des Bundespräsidenten oder die Einführung von Volksentscheiden wären sinnvoll gewesen. Die mentalen Probleme einiger Bürger in den östlichen Ländern wären damit sicher geringer gewesen“.

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