Wilhelm Reuscher (FDP) beantwortet viele Fragen

„Was machen die da an ihren Laptops?“

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Der Hessische Landtag - Ziel der Leserreise des Dieburger Anzeigers.

Dieburg/Wiesbaden ‐  „Auf in den Landtag!“, hieß es am Donnerstag beim Dieburger Anzeiger - und viele, viele kamen: Die Resonanz auf die erste Leserreise zur Landesregierung nach Wiesbaden war so groß, dass sogar eine Warteliste angelegt werden musste. „Hoffentlich macht ihr so was mal wieder, damit wir dann auch mit können“, meinte ein Abonnent bedauernd, der mit der Anmeldung zu spät kam. Von Lisa Hager

Wer Platz auf der 50 Teilnehmer umfassenden Liste bekommen hatte, bestieg am Mittag gut gelaunt den Bus Richtung Landeshauptstadt. Dass sich das Stadtschloss, in dem der Hessische Landtag untergebracht ist, sich von außen so bescheiden ausmacht, verwunderte die Dieburger, Groß-Zimmerner und Münsterer Reisenden. „Des is ja wie bei uns in Dibborsch“, meinte einer, „do find' des Schloss aach kaaner.“

Schnell erkannte man, dass der Haupteingang vor allem gut fürs Gruppenfoto ist. Das wirkliche Leben spielt sich woanders ab - im neuen Plenargebäude, das ans Schloss anschließt und durch die Hintertür erobert werden will.

Auf der Treppe kommen Weimar und Bouffier entgegen

Dass alle dann eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen über sich ergehen lassen mussten, bevor es in die landespolitischen Hallen ging, erstaunte niemanden. „Die haben halt Angst vor uns“, witzelte ein Mitfahrer und zögerte etwas, bevor er sein Portemonnaie in die bereit gestellten Kunststoffkisten legte. „Das Geld bekommen Sie wieder“, versicherte einer der „Türsteher“. „Weiß man das so genau? Bei den Schulden, die das Land hat?“, wurde weiter geflachst.

Über das pomöse Haupttreppenhaus kamen früher die Gäste der Herzöge von Nassau ins Stadtschloss.

In Zweiergruppen aufgeteilt, wandte sich der Leser-Trupp dann erst mal dem historischen Aspekt zu: Die beiden Gästeführer, die die Reisegruppe bis zum Abschied am frühen Abend begleiteten, wussten viel Interessantes über die frühere Bedeutung des Stadtschlosses zu berichten. Unwiederbringlich verloren wären in dem Gewirr von Gängen und Treppenhäusern wohl einige DA-Abonnenten gegangen, wenn nicht jeder Führer sorgfältig auf die Kopfzahl seines „Trüppchen“ geachtet hätte.

Die kenn' ich doch“, flüsterte eine Dame ihrem Begleiter zu, als der Gruppe im engen Treppenhaus zwei veritable Minister entgehen kamen: Karlheinz Weimar (Finanzen) und Volker Bouffier (Inneres und Sport) schüttelten einigen Entgegenkommenden gleich mal sicherheitshalber die Hände - man kann ja nie wissen…

Nach dem historischen Exkurs ging's weiter zur Realpolitik des Jahres 2010. An diesem Sitzungstag wurden etliche aktuelle Stunden abgehalten, erste und zweite Lesungen von neuen Gesetzentwürfen (Modernisierung des Dienstrechts für Beamte, Änderung im Strafvollzug, Vorrang für erneuerbare Energien) absolviert. Auch eine aktuelle Stunde zum derzeit heiß diskutierten Datenmissbrauch durch Google, die die FDP-Fraktion beantragt hatte, stand an dem Tag auf dem Programm.

Wie die 118 Parlamentarier des Landtags agieren und diskutieren, das wollten sich die Besucher aus Dieburg einmal aus nächster Nähe anschauen. Im Stau vor dem Plenum gab es aber erst noch eine Überraschung: Ein ganzer Bus voll Zimmerner war auf Einladung von Umweltministerin Silke Lautenschläger im Haus - so dass man im Vorraum der Besuchertribüne des Plenarsaals mundartlich vertraute Töne vernahm.

Bekannte Töne hörten später auch die kreisförmig über dem Plenum thronenden Besucher. „Das haben wir nie behauptet!“, so ein Zwischenrufer. „Das kommt eben davon!“, ein anderer. „Irgendwie erinnert mich das ein bisschen ans Dieburger Parlament“, raunte ein Beobachter der Szene seinem Nachbarn zu.

Eindrücke bei Kaffee und Kuchen aufgearbeitet

Auf dem „Plauder-Sofa“ im Roten Salon sitzen und dem Gästeführer (links) lauschen - das konnte man im Schloss erleben.

Wir haben uns mit diesem Gesetz viel Arbeit gemacht“, so ein Parlamentarier beispielsweise zum Thema Änderung des Strafvollzugs. Dass Politik auch im digitalen Zeitalter immer noch viel mit Papier zu tun hat, wurde den Zuhörern beim Zusatz, „Das zeigt nicht nur der Umfang von 171 Seiten“, klar.

Ihre Eindrücke aufarbeiten konnte die Besuchergruppe danach im Fraktionszimmer der FDP. Dort wartete der Dieburger Landtagsabgeordnete Wilhelm Reuscher mit Kaffee und Kuchen und vielen geduldigen Antworten auf. „Was machen die Abgeordneten da eigentlich alle mit ihren Laptops - Computerspiele?“, wurde beispielsweise kritisch gefragt. „Das sicher nicht“, meinte Reuscher, „der Kollege, der hinter ihm sitzt, sieht doch genau, was der vor ihm macht.“

Reuscher belegt die Schwerpunkte Schule und Bildung

Der Dieburger Abgeordnete, der als Newcomer seit gut einem Jahr im Landtag vertreten ist, erklärte bereitwillig die komplizierten Abläufe der parlamentarischen Arbeit. So erfuhren die Besucher auch, dass jedes Fraktionsmitglied einen besonderen inhaltlichen Schwerpunkt hat. „Bei mir ist es Schule und Bildung“, sagte Reuscher. Zu diesen Themen müsse er dann auch öffentlich Stellung nehmen, sich ständig auf dem Laufenden halten und eventuell auch im Plenum die Redebeiträge übernehmen. Dass die eigentliche politische Arbeit aber in den Ausschüssen laufe, erstaunte die wissbegierigen Gäste.

Was können Sie als einzelner Landtagsabgeordneter für Ihren Wahlkreis bewirken?“, stellte einer dann die Gretchenfrage. „Ich kann jederzeit Anregungen geben, Nachfragen und Anträge stellen. Die Ministerien sind nämlich verpflichtet, den Abgeordneten Auskünfte zu erteilen“, so Reuscher. Oft genügten kritische Nachfragen, um Dinge ins Laufen zu bringen.

Ins Laufen gekommen war auch die Zeit: Die beiden Führer, die ihre Schäfchen erst an der Garderobe wohlbehalten verabschieden dürfen, standen schon wieder wartend vor der Tür der Liberalen. Und bei der Rückgabe der Regenschirme, Mäntel und Handtaschen waren alle schnell beruhigt: Auch wenn die Finanzen im Keller sind, Im Landtag geht's immer noch ehrlich zu…

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