„Wir werden das Ding noch drehen“

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Zuversichtlich: Bundesjustizministerin Brigitte Zypries unterstützt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier bei seiner Kundgebung vor rund 900 Zuhörern in Darmstadt.

Darmstadt -  Während sich am Freitag Angela Merkel (CDU) mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew zu einem Vier-Augen Gespräch am Schwarzen Meer traf, hat für Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier der Wahlkampf längst begonnen. Von Dirk Beutel

Der Ehrgeiz ist auch nötig, denn lediglich 22 Prozent hätten, laut dem Wahlforschungsinstitut Infratest dimap, am Sonntag im Falle einer Bundestagswahl ein Kreuz neben seiner Partei gesetzt. Am frühen Freitagmorgen besucht er noch im Nordrhein-Westfälischen Bottrop ein Steinkohlebergwerk und ging bei den Kumpels mehrere Meter unter der Erde auf Stimmenfang. Einige Stunden später trifft das derzeitige Aushängeschild der Sozialdemokraten schließlich zu einer Kundgebung auf dem Darmstädter Karolinenplatz ein. Es ist sommerlich warm, keine Wolke am Himmel. Inmitten einer Traube von Leibwächtern bahnt sich der Mann, auf den die rund 900 Besucher gewartet haben, seinen Weg auf die Bühne, die direkt vor dem Verwaltungsgebäude der Technischen Universität aufgebaut ist.

Bevor Frank-Walter Steinmeier zu seinen Zuhörern spricht, legt er zunächst sein Jackett ab und krempelt die Ärmel hoch. Er will es anpacken, Aufbruchsstimmung wecken und Entschlossenheit ausstrahlen. Ganz oben auf seiner persönlichen Agenda steht sein Deutschlandplan, in dem der 54-Jährige seine inhaltlichen Kernpunkte und politischen Ziele formuliert und zusammengefasst hat. Von schlechten Umfrageprognosen will der Kanzlerkandidat dagegen nichts wissen: „Mich interessieren nicht die Zahlen von gestern, sondern die Arbeit von morgen“, ruft Steinmeier kämpferisch in die Menge. Für Deutschland bedeute das im Klartext: Vollbeschäftigung, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit im Bildungswesen und der Ausbau erneuerbarer Energien. Außenpolitische Themen bleiben unerwähnt.

Vor allem für sein Ziel der Vollbeschäftigung ist Steinmeier von vielen Seiten kritisiert worden. Dennoch verteidigt er seine Vision, in den nächsten zehn Jahren vier Millionen neue Arbeitsplätze schaffen zu können, und greift bei diesem Thema im gleichen Atemzug zum ersten und einzigen Mal seine Kontrahentin an: „Wenn Angela Merkel das ehrgeizige Ziel der Vollbeschäftigung als unredlich bezeichnet, zeigt das, dass es Parteien gibt, die unempfindlich gegenüber Arbeitslosigkeit sind.“

Ebenso will Steinmeier neue Weichen im Bildungssektor stellen. 70 000 Schüler, die jedes Jahr eine Schule ohne einen Abschluss oder eine Berufsausbildung verlassen, zudem der akute Facharbeiter- und Ingenieurmangel seien keine Optionen für die Zukunft. „Soziale Hürden müssen weg, stattdessen brauchen wir Chancengleichheit für alle sozialen Schichten – Keine Gebühren vom Kindergarten bis zur Uni“, schmettert Steinmeier, der sich mittlerweile warm geredet hat und Applaus erntet.

Einen vielversprechenden Sektor für die Belebung des Arbeitsmarktes sieht Steinmeier in der Energiewirtschaft. Zurück zur Atomkraft sei mit ihm nicht drin, vielmehr plädiert Steinmeier für mehr Aufschwung bei den erneuerbaren Energien, schließlich nähme Deutschland eine globale Vorreiterstellung ein. Auch die Finanz- und Wirtschaftskrise spricht der potenzielle Kanzler an und zielt dabei auf das für ihn größte Übel, nämlich eine Regierung unter Schwarz-Gelb: „Die Generation Boni hat doch aus den Folgen der Krise nichts gelernt und will lieber zocken als investieren.“ Die Gier auf das schnelle Geld dürfe nicht mehr derart große Ausmaße annehmen, vielmehr bräuchte der globale Markt neue Regeln und ein neues moralisches Verantwortungsgefühl.

Nach einer guten Stunde intensiver Wahlkampfrede wendet sich Steinmeier noch einmal seinen Skeptikern zu: „Wir werden das Ding noch drehen. Die Hälfte der Wähler hat sich noch nicht entschieden. Viele stehen noch an der Seitenlinie, und die werden wir mitnehmen“, verspricht er seinen Anhängern zum Schluss. Die Beifall klatschende Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ist sich dessen sicher und gibt ihre persönliche Prognose ab: „Frank kann Kanzler.“

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