Zeitlose Liebe zur Naturwissenschaft

Von kleiner Apotheke zur Pharmafirma von Welt: 350 Jahre Merck 

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Ein Merck-Techniker bei der Kontrolle einer Zentrifuge: Das Darmstädter Traditionsunternehmen feiert in diesem Jahr sein 350-jähriges Bestehen.

Darmstadt - Hessen lag 1668 – 20 Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges – am Boden. Viel Zuversicht hatten die von Not und Zerstörung zermürbten Menschen sicher nicht mehr. Doch auch in solch bedrückenden Zeiten fassen sich manche Wagemutige ein Herz: Friedrich Jakob Merck war so einer. Von Axel Wölk

Nach mehreren Jahren Wanderschaft – unter anderem war Merck in Danzig gewesen– gründete er vor 350 Jahren eine Apotheke am Darmstädter Schlossgraben.

Im Laufe der Jahrhunderte entstand aus dieser Keimzelle einer der weltweit führenden Pharma- und Chemiekonzerne mit 15 Milliarden Euro Umsatz und rund 1,6 Milliarden Euro Gewinn. Das feiert Merck in diesem Jahr in großem Stil. Mitarbeiter, Politiker, Geschäftskunden, Verbraucher, Mitglieder der Gründerfamilie und sogar fünf Nobelpreisträger wollen gemeinsam mit der Konzernführung dieses runde Jubiläum zu einem weiteren Meilenstein der Unternehmenshistorie machen.

„350 Jahre, das ist eine unglaubliche Zahl, gerade wenn man bedenkt, was sich zwischen 1668 und heute in der Wissenschaft alles getan hat“, freut sich auch Merck-Chef Stefan Oschmann. Nach Start in schwerer Zeit verliefen die Geschicke des Unternehmens gemessen an den massiven gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen während dieser 350 Jahre erstaunlich kontinuierlich.

Zahlreiche andere Wettbewerber scheiterten in dieser Zeit, gingen bankrott, wurden von größeren Konkurrenten geschluckt oder gar enteignet. Aller Turbulenzen zum Trotz behaupteten sich die Darmstädter und tönen heute mit stolzgeschwellter Brust: In der Region firmiert das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt.

Merck baut auf Veränderung: Das modulare Innovationszentrum wird am 3. Mai offiziell eröffnet.

Zunächst einmal stand die Pharmazie ganz im Vordergrund. Friedrich Jacob bereitete in oft stundenlanger Arbeit aufwendig seine Präparate zu. Diese Liebe zur Naturwissenschaft blieb über die Jahre stets eine Triebfeder in der Firmenentwicklung. Später freundete sich im 18. Jahrhundert der Nachfahre Johann Heinrich sogar mit Johann Wolfgang Goethe an. Insbesondere bei den Naturwissenschaften und hierbei natürlich allen voran in der Chemie, vergleichenden Anatomie und der Mineralogie forschte Johann Heinrich fieberhaft.

Dann kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts Emanuel Merck. Er führte die Firma vom reinen Apothekerhandwerk zu einem forschenden Industrieunternehmen. So gelangen ihm große Fortschritte bei sogenannten Alkaloiden, einer Klasse hochwirksamer Pflanzeninhaltsstoffe. Er bot diese Heilmittel mit wenigen Kosten an und bemühte sich sehr darum, dass mit ihnen umfangreiche Versuche betrieben wurden. In gewisser Weise ebnete das den Weg für die weitere Entwicklung Mercks. Emanuels Söhne etablierten eine Geschäftssozietät, in der ab den 1850er Jahren Belegschaft und Produktvielfalt rasant wuchsen. Merck war ab sofort kein Einzelunternehmen mehr.

In den kommenden Jahren expandierte das Unternehmen rasant und stellte sich mit dem Abschluss von Geschäftsbeziehungen in allen Kontinenten wahrlich international auf. Da wundert es nicht, dass es am Stammsitz langsam eng wurde. Ende des 19. Jahrhunderts gingen dem Unternehmen in der rasant wachsenden Stadt nämlich die Möglichkeiten aus, den eigenen Standort noch zu erweitern. Daraufhin siedelte Merck 1904 zum heute noch bestehenden Stammsitz an der Frankfurter Straße vor den Toren Darmstadts um. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann die US-Tochter Mercks enteignet und geht seitdem eigene Wege. Doch außerhalb Nordamerikas muss sich das Unternehmen MSD nennen.

Durch das turbulente 20. Jahrhundert lavieren sich die Darmstädter insgesamt erfolgreich. Ab 1941 hatte der Konzern ausländische Arbeitskräfte angeworben. Nach Unternehmensangaben von 1947 beschäftigte Merck zwischen 1939 und Kriegsende knapp 1700 ausländische Arbeitskräfte, darunter auch Zwangsarbeiter. Merck hat dieses Kapitel seiner Historie inzwischen aufgearbeitet und trat dem Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft bei. Es kam auch zu zusätzlichen persönlichen Entschädigungen.

Direkt bis ins Mark traf die Darmstädter am 12. Dezember 1944 ein Luftangriff, bei dem 60 Mitarbeiter starben und der fast 70 Prozent des Gebäudes zerstörte.

Einen weitaus erfreulicheren Meilenstein markiert das Jahr 1995. Merck ging im bis damals größten Börsengang der deutschen Geschichte an den Aktienmarkt. Trotzdem behält die Familie Merck bis heute die Kontrolle über das einst von Friedrich Jacob praktisch begründete Unternehmen. Dann kam es im Jahr 2000 zu einer Zäsur. Der Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Langmann verabschiedete sich in den Ruhestand und seitdem greift die Familie Merck nicht mehr ins operative Geschäft ein.

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In den Folgejahren kaufte Merck beständig neue Unternehmen hinzu, so 2007 den Biotech-Konzern Serono, stieß im gleichen Jahr aber auch seine Sparte für Nachahmerpräparate ab. 2010 schluckten die Darmstädter dann das US-Unternehmen Millipore. Vor zwei Jahren griffen die Darmstädter für 13,1 Milliarden Euro noch bei der E-Commerce-Plattform Sigma-Aldrich zu. Damit stemmte Merck die bis dato größte Akquisition seiner Geschichte.

Somit fehlt es bei all der Jahrhunderte alten Vergangenheit auch nicht an Zukunftsthemen. Gefeiert wird also nicht nur das Erreichte. So will der Konzern im Juli zu einer internationalen Konferenz rund 35 renommierte Wissenschaftler in die Region holen, darunter auch fünf Nobelpreisträger. Es dreht sich dabei um die klassischen Themen des Konzerns, also unter anderem Krebstherapien, Diagnosen, synthetische Biologie, Materialforschung und mit der Digitalisierung auch das Zukunftsfeld Nummer eins. Gesellschaftlicher Höhepunkt wird am 3. Mai ein europäischer Festakt sein. Bereits Mitte April steht ein Fest für die 50.000 Beschäftigten an. „Dies ist ein ganz großes Dankeschön für unsere Mitarbeiter“, zollt Oschmann seinen Leuten Respekt.

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